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Tragische Tage im Simmental: Wenn der „Ski-Boom“ zur tödlichen Gefahr wird

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • vor 2 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Die Internet-Zeitung soaktuell.ch berichtete vor fünf Tagen über den "Ski-Boom im Simmental: Warum plötzlich alle nach Zweisimmen und Saanenmöser stürmen". Jetzt häufen sich Meldungen über tragische Snowboard-Unfälle in genau diesem Skigebiet. Ein Zufall? Oder hat es schlicht zu viele Leute auf der Piste? Oder sollte man Snowboarder und Skifahrer grundsätzlich räumlich trennen?


Am Montag ist es auf dem Hornberg in Saanenmöser im Kreuzungsbereich mit einem Winterwanderweg zu einer Kollision zwischen einer Fussgängerin und einem Snowboarder gekommen. (Quelle: Kapo Bern)
Am Montag ist es auf dem Hornberg in Saanenmöser im Kreuzungsbereich mit einem Winterwanderweg zu einer Kollision zwischen einer Fussgängerin und einem Snowboarder gekommen. (Quelle: Kapo Bern)

Das Simmental erlebt derzeit einen beispiellosen Ansturm. Am Morgen staut sich der Verkehr schon viele Kilometer vor Zweisimmen. Und nur wenige fahren weiter Richtung Lenk. Die meisten bleiben im Raum Zweisimmen-Saanenmöser. Am Abend staut es wieder retour, talabwärts. Doch wo das Tourismus-Marketing von „perfekten Bedingungen“, „modernster Infrastruktur“ und dem Erfolg des "Magic Pass" schwärmt, werfen die jüngsten Ereignisse einen dunklen Schatten auf das Winterparadies zwischen Zweisimmen, Saanenmöser und Schönried. Innerhalb weniger Tage erschütterten zwei schwere Vorfälle die Region – ein deutliches Warnsignal, dass die Kapazitäten auf den Pisten und die Sicherheit der Wintersportler zunehmend aus dem Gleichgewicht geraten.


Eine Woche der Hiobsbotschaften


Fakt ist, je mehr Leute auf der Piste, desto mehr Unfälle passieren. Den Auftakt der tragischen Serie bildete ein Vorfall am Montag, dem 2. Februar 2026. Am Hornberg in Saanenmöser kam es an einem Kreuzungspunkt zwischen einer Skipiste und einem Winterwanderweg zu einer folgenschweren Kollision. Ein Snowboarder prallte mit einer Fussgängerin zusammen. Die Frau erlitt dabei so schwere Verletzungen, dass sie mit der Rega ins Spital geflogen werden musste. Dass die kantonale Jugendanwaltschaft die Ermittlungen leitet, deutet darauf hin, dass es sich beim involvierten Snowboarder um einen Minderjährigen handelt – ein Umstand, der die Tragik des Unfalls noch unterstreicht.


Nur fünf Tage später, am Samstag, dem 7. Februar 2026, folgte die traurige Nachricht vom Saanersloch. Ein 40-jähriger Freiburger kollidierte im Bereich Horrengraben mit einer Absperrung und verstarb trotz sofortiger Reanimationsversuche noch auf der Piste. Zwei Unfälle, zwei völlig unterschiedliche Hergänge, aber ein gemeinsamer Nenner: das Skigebiet Saanenmöser als Schauplatz und involviert waren Snowboarder, nicht Skifahrer.


Das Problem der Pistendichte: Der Flaschenhals-Effekt


Es ist kein Geheimnis, dass die modernen Bergbahnen in der Region – allen voran die neue Saanerslochbahn – eine enorme Förderleistung haben. Sie transportieren Massen an Menschen in kürzester Zeit nach oben. Doch die Pistenfläche lässt sich nicht analog dazu vergrössern. Was folgt, ist ein „Flaschenhals-Effekt“: Immer mehr Sportler teilen sich denselben Raum.


Der von soaktuell.ch thematisierte „Ski-Boom“ im Simmental führt dazu, dass die Sicherheitsreserven auf den Abfahrten aufgebraucht sind. Wenn die Piste voll ist, sinkt die Fehlertoleranz auf Null. Ein kleiner Fahrfehler, eine falsche Einschätzung der Geschwindigkeit oder eine unübersichtliche Kreuzung – wie beim Unfall am Hornberg – führen dann fast zwangsläufig zur Katastrophe.


Im Skigebiet Zweisimmen, Saanenmöser und Schönried fahren aufgrund flacher Pisten auffällig viele ältere Skifahrer, sehr viele Kinder und extrem viele Snowboarder. Sie fahren grundsätzlich anders und teilen sich die unverändert gleichen Pistenbreiten. Das ist zweifellos in anderen Skigebieten auch so, aber nicht die Mischung. Die ist in den genannten Gruppen Senioren, Kinder und Snowboarder schon auffällig ausgeprägt.


Die ewige Debatte: Snowboard vs. Ski


Die aktuelle Häufung wirft zudem die Frage auf, ob die Koexistenz von Skifahrern und Snowboardern auf überfüllten Pisten noch zeitgemäss ist. Technisch gesehen gibt es grundlegende Unterschiede, die bei hoher Frequenz problematisch werden:


  1. Der tote Winkel: Snowboarder stehen seitlich zur Fahrtrichtung. Bedingt durch die Anatomie und die Bindungsposition haben sie einen deutlich grösseren toten Winkel als Skifahrer, die frontal talwärts blicken.

  2. Die Kurvenradien: Während moderne Carver meist berechenbare Radien ziehen, neigen Snowboards bei Driftschwüngen zu unvorhersehbaren Bewegungen, die für Skifahrer schwer zu antizipieren sind.

  3. Die Pistennutzung: Ein Snowboarder benötigt für Stabilität oft mehr Raumbreite. Auf einer vollen Piste führt dies zu Stresssituationen bei anderen Verkehrsteilnehmern, vor allem bei Skifahrern. Auch in Engnissen auf der Piste herumsitzende Snowboarder bilden regelrechte Pistensperren und führen bei Skifahrern zu gefährlichen Ausweichmanövern.


Trennung oder Erziehung?


Die Forderung nach getrennten Pisten wird laut, ist aber in der Praxis kaum umsetzbar. Experten plädieren stattdessen für eine konsequentere Entflechtung. Kreuzungspunkte mit Wanderwegen, wie der Unfallort am Hornberg, müssen soweit möglich baulich massiv entschärft werden – etwa durch Unterführungen oder verpflichtende Stopp-Zonen. Doch das Geld dazu fehlte bisher.


Am Ende steht immer die Eigenverantwortung. Skifahren findet in der Natur statt. Der Boom im Simmental zeigt: Wenn der Berg ruft und das Angebot preislich stimmt, kommen alle – vom Profi bis zum blutigen Anfänger. Die FIS-Regeln scheinen jedoch in Vergessenheit zu geraten. Wer sein Tempo nicht dem Können und vor allem der Sichtweite sowie der Pistendichte anpasst, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern zerstört auch das Leben anderer. Zusammenstössen sind mittlerweile die häufigste Unfallursache auf der Piste, nicht nur im Berner Oberland.


Die Region Saanenmöser steht nun vor der Herausforderung, den Erfolg des „Magic Pass“ und die vielen Besucherinnen und Besucher auch mit maximaler Sicherheit in Einklang zu bringen. Ein schwieriges Unterfangen, weil das grosse Skigebiet schon heute viel für die Sicherheit tut und es die absolute Sicherheit schlicht und einfach nicht gibt.

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