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Kapitulation vor dem Scanner: Warum der Detailhandel Diebstahl einpreist

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Das Bild der flinken Kassiererin, die Waren im Sekundentakt über den Scanner zieht, wird seltener. Was bei Migros und Coop als Komfort-Offensive begann, hat nun auch die Hard-Discounter erreicht. Trotz klagender Berichte über zunehmenden Ladendiebstahl und „vergessene“ Artikel am Self-Checkout (SCO) gibt es kein Zurück mehr. Die Branche hat eine schmerzhafte Entscheidung getroffen: Der Warenschwund ist billiger als das Personal. Ist das wirklich so?


KI-generiertes Bild von Gemini zur Illustration.
KI-generiertes Bild von Gemini zur Illustration.

Sogar die Discounter knicken ein


Lange Zeit galt die klassische Kasse als Effizienz-Bollwerk von Aldi und Lidl. Doch die Zeiten haben sich geändert. In der Schweiz hat Lidl bereits seit 2020 landesweit SCO-Terminals (Self Checkout) ausgerollt. Aldi Suisse zog nach einer langen Testphase massiv nach und hat bis 2025 über die Hälfte seiner rund 250 Filialen mit bargeldlosen Self-Checkout-Kassen ausgestattet.


Dass ausgerechnet die Discounter, die jeden Rappen zweimal umdrehen, auf dieses System setzen, überrascht nur auf den ersten Blick. Es ist eine Flucht nach vorn: In Zeiten von Personalmangel und hohen Schweizer Löhnen lässt man lieber den Kunden die Arbeit machen – auch wenn dabei ein Teil der Ware „verloren“ geht.


Das Kalkül der Berater: Kalkulierter Schwund


Hinter den Kulissen führen Unternehmensberater eine kühle Rechnung vor:


  1. Personalkosten: Eine voll besetzte Kasse kostet inklusive Sozialleistungen eine Summe, die fix anfällt, egal wie viele Kunden kommen.

  2. Fraud-Rate (Betrug): Diebstähle beim Self-Checkout bewegen sich im einstelligen Prozentbereich.

  3. Die Bilanz: Wenn die Einsparungen bei den Löhnen höher sind als die Verluste durch Diebstahl, gilt das System betriebswirtschaftlich als Erfolg – selbst wenn die absolute Zahl der Ladendiebstähle ansteigt.


Vom „Versehen“ zum System


Freilich, die absolute Mehrheit der Kundinnen und Kunden in der Schweiz sind ehrlich und bezahlen ihre eingekauften Produkte ordnungsgemäss. Detailhändler klagen selten über die Zunahme von Delikten, doch sie befinden sich in einem Dilemma. Einerseits wollen sie nicht zum Diebstahl animieren. Andererseits hat sich der Kunde an die Schnelligkeit gewöhnt. Würden die SCO-Stationen abgebaut, drohten lange Schlangen hinter den Kassen und damit eine Kundenabwanderung.


Gleichzeitig wird das „Erschleichen“ von Waren immer raffinierter. Es ist ein offenes Geheimnis: Viele Kunden geben in Umfragen offen zu, gelegentlich teure Produkte als Billiglinie zu scannen oder den teuren Wein im Wagenboden „zu übersehen“. Die Händler reagieren mit einem technischen Wettrüsten: KI-gestützte Kameras, die Unregelmässigkeiten im Scan-Verhalten erkennen, und automatische Stichproben sollen die Hemmschwelle wieder erhöhen.


Der ehrliche Kunde zahlt mit


Die Entwicklung zeigt, der Self-Checkout ist kein reines Komfort-Tool, sondern eine harte Sparmassnahme. Dass nun auch Aldi und Lidl mitziehen, beweist, dass der Mensch an der Kasse zum Luxusgut wird. Am Ende zahlt der ehrliche Kunde die Zeche – entweder durch höhere Preise, die den Diebstahl kompensieren, oder durch das Gefühl, beim Bezahlen unter Generalverdacht einer KI-Kamera zu stehen.


Die Rendite-Falle: Überwachungskosten vs. Lohnersparnis


Rentiert sich das System wirklich, wenn man Detektive bezahlen und teure KI-Systeme installieren muss? Die Antwort der Detailhändler ist ein pragmatisches „Ja“ – allerdings mit Vorbehalten.


Die Rechnung basiert auf der Skalierbarkeit. Während eine menschliche Kassiererin nur eine einzige Kasse bedienen kann, betreut eine Aufsichtsperson am Self-Checkout heute bis zu zehn Terminals gleichzeitig. Selbst wenn diese Person durch teure Sicherheitstechnik und sporadische Detektiveinsätze unterstützt wird, bleiben die laufenden Lohnkosten pro Transaktion deutlich niedriger.


Ein Block mit vier SCO-Terminals kostet in der Anschaffung und Integration schnell zwischen 80.000 und 120.000 Franken. Eine klassische Kasse ist für einen Bruchteil davon zu haben.


Moderne KI-Kamerasysteme, wie sie Coop bereits testet, verursachen einmalige Installations- und überschaubare Lizenzkosten. Im Gegensatz zu Detektiven aus Fleisch und Blut arbeiten sie rund um die Uhr ohne Pausen und werden mit der Zeit präziser, was Fehlalarme reduziert.


Studien zeigen, dass die Inventurdifferenzen an SB-Kassen etwa 15 bis 30 % höher liegen als an bedienten Kassen. Doch solange dieser Verlust geringer ist als die kumulierten Lohnkosten für drei oder vier zusätzliche Vollzeitstellen pro Filiale, bleibt das System für Migros, Coop und nun auch die Discounter unterm Strich profitabel.


Die Rendite des Self-Checkouts speist sich also nicht aus der absoluten Sicherheit, sondern aus der Masseneffizienz. Die Händler nehmen den „Schwund“ bewusst in Kauf, solange die Technik billiger bleibt als die menschliche Präsenz. Der Detektiv rückt dabei nur noch bei konkreten KI-Alarmen aus – das spart teure Patrouillenstunden auf gut Glück.


Der „Sonderfall“ Schweiz


Während man im nördlichen Nachbarland Deutschland lange Zeit aus Angst vor Diebstahl und wegen der starken Bargeld-Affinität zögerte, wurde die Schweiz zum Testlabor für den kassenlosen Einkauf. In Deutschland ist der Self-Checkout zwar auf dem Vormarsch, bleibt aber mit einer Quote von nur einer SB-Kasse auf 18 klassische Kassen weit hinter dem Schweizer Standard zurück. Die hiesigen Händler haben das Risiko schlicht früher als notwendiges Übel akzeptiert, um die im europäischen Vergleich extrem hohen Personalkosten zu drücken.


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