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Gewerbeverband will China-Päckli verteuern. Das wird die Wirtschaft Milliarden kosten.

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    Redaktion soaktuell.ch
  • 25. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Nach dem kapitalen Flopp mit der Senkung der Zoll-Freigrenze auf 150 Franken, die den Einkaufstourismus erst so richtig belebt hat, kommt der Schweizerische Gewerbeverband wieder und jammert wegen den Portokosten der Kleinsendungen von Temu und Co. aus China. Schweizer KMU würden derzeit unter ungerechten Portotarifen und der Flut nicht konformer, oft unterbewerteter Sendungen aus Asien leiden, schreibt der Gewerbeverband. Das Gejammer des Gewerbeverbandes ist gefährliche Symptombekämpfung.


POG Paketdienst in Weil am Rhein. Foto: Screenshot POG-Website.
POG Paketdienst in Weil am Rhein. Foto: Screenshot POG-Website.

Geht es nach dem Willen der Gewerbe-Lobbyisten, muss der Schweizer Markt vor den günstigeren Chinesen geschützt werden. Das ist peinlich. Der Markt sollte vielmehr vor den Abzockern im Inland geschützt werden. Die Schweizerinnen und Schweizer wollen gar nicht geschützt werden. Das Problem ist nämlich nicht die Päckli-Flut, sondern es sind die zu hohen Preise in der Schweiz, die dank dem Internet reihenweise auffliegen.


Ihr seid einfach zu teuer.

Wir haben überall das gleiche Problem. Ob beim Essen im Restaurant oder beim Autoservice in der Garage und auch beim Shopping in der Schweiz. Die Preise sind zu hoch. Die KMU begreifen einfach nicht, dass sie ihre Kosten nicht mehr wie früher 1:1 auf die Kunden überwälzen können. Die alten Excel-Tabellen der HSG kann man vergessen. In Zukunft überleben nur jene KMU, die sich überlegen, wie kann ich günstiger einkaufen und produzieren und diese Ersparnis auch an die Kundschaft weiter gibt. Jene, die sich überlegen, wie man die Kunden dazu bringen kann, immer mehr für die Produkte oder Dienstleistungen zu bezahlen, werden verschwinden.


Die Leute gehen nicht mehr ins Restaurant essen und kaufen immer weniger Autos, weil es einfach zu teuer ist. In diesem Jahr sind schon 900 Beizen eingegangen und es werden wahrscheinlich über 100 Garagenbetriebe für immer geschlossen.


Die Schweizer KMU werden nicht besser, indem sie die Konkurrenz verdreckeln.

Jetzt beginnt der Gewerbeverband auch noch zu jammern. Doch, die Konkurrenz zu verteufeln und die Päckli aus China künstlich zu verteuern, wird ihr Problem nicht lösen. Preisunterschiede zwischen der Schweiz und China sind logisch und auch akzeptiert - aber nur in einem gewissen Mass. Wenn man die identischen Produkte hierzulande acht- bis zehnmal teurer verkauft, fühlen sich die Schweizer Kundinnen und Kunden zurecht über den Tisch gezogen.


Wir von der Redaktion haben es kürzlich mal wieder selber erlebt. Bei Primark in Mulhouse kauften wir einen Damenpullover für umgerechnet knapp 8 Franken. In einem Kleidergeschäft einer skandinavischen Kette in der Schweiz kostete der genau gleiche Pullover 80 Franken. Dank dem Internet fliegen solch eklatante Preisunterschiede reihenweise auf. Wer für das gleiche Produkt bis zehnmal mehr verlangt, kauft miserabel ein oder will die Kundschaft bewusst abzocken. Und solche Beispiele gibt es massenhaft. Das geht einfach nicht mehr.


Im Bundesparlament wurden zwei Motionen eingereicht. Die erste Motion verlangt die Angleichung der Portogebühren für Inlands- und Auslandssendungen, während die zweite verschärfte Kontrollen für Sendungen unter 150 Franken fordert, um angeblich Fälschungen und Verbraucherrisiken zu bekämpfen. Ein moderater Beitrag auf diese Pakete würde die zusätzlichen Kontrollen finanzieren.


Zweiter Fehler nach dem Zollfreigrenze-Flopp

Die gleichen Kreise, welche eine Senkung der Zollfreigrenze von früher 300 auf 150 Franken pro Person durchgeboxt haben, verlangen heute also, Online-Shopping aus dem Ausland künstlich zu verteuern. Nach dem ersten Fehler wollen sie jetzt den nächsten begehen. Denken die Gewerbe-Lobbyisten denn tatsächlich, die Schweizerinnen und Schweizer würden die Waren danach überteuert in ihren Läden in der Schweiz kaufen? Solche Forderungen beweisen nur, dass man die Schweizer Kundschaft offenbar für völlig dumm anschaut.


Eine Milliarde mehr ins Ausland abgeflossen

Gerade das Beispiel der Senkung der Freigrenze am Zoll ist exemplarisch. Anstatt weniger Einkaufstourismus schrieb dieser im Jahr 2025 einen neuen Rekord. Mit der Senkung der Zollfreigrenze auf 150 Franken pro Person trieben die Gewerbe-Lobbyisten und ihre Helferinnen und Helfer im Bundeshaus die Einkaufstouristen erst recht scharenweise ins Ausland. Der Einkaufstourismus nahm um 10 Prozent zu. Die Leute gingen häufiger und nahmen mehr Personen mit (Kinder, Nachbarn, Verwandte - alles Leute, die den Einkaufstourismus früher nicht kannten). Experten erklären dies mit dem gestiegenen Spardruck der Haushalte (Krankenkassenprämien, Mieten). Die Senkung der Zollfreigrenze war einer der grössten politischen Rohrkrepierer der letzten Jahre. Er kostete die Schweizer Wirtschaft fast eine Milliarde Franken. Nun will die Gewerbe-Lobby den Booster zünden.


Machen die Gewerbe-Lobbyisten im Bundeshaus den nächsten grossen Fehler?

Sobald die China-Päckli in die Schweiz künstlich verteuert werden, liegt die Umgehungsmöglichkeit auf der Hand. Dann lässt man diese Päckli nicht mehr an die Privatadresse in der Schweiz schicken, sondern einfach günstig an einen Paketshop im Ausland - und dies oftmals gratis. Schätzungen aus der Logistikbranche gehen davon aus, dass mehrere hunderttausend Personen in der Schweiz bereits heute regelmäßig Paketshops oder Postfächer im Ausland nutzen. Allein an der deutsch-schweizerischen Grenze gibt es hunderte solcher Anbieter (z.B. in Konstanz, Weil am Rhein oder Lörrach). Ein Beispiel ist POG in Weil am Rhein https://paket-ohne-grenzen.de/


So funktionierts: Man bestellt Waren im Internet, z.B. bei Shein, Temu, Aliexpress, Amazon, eBay usw. und lässt die Pakete günstig an den Paketshop an der Grenze liefern. Einmal im Monat holt man die Päckli dort gegen eine geringe Gebühr ab und tätigt gleich noch ein paar Einkäufe ennet der Grenze, wenn man schon da ist.


Laut einer aktuellen Studie der Universität St. Gallen (2025) kaufen rund 72 Prozent aller Schweizer mindestens einmal pro Jahr im Ausland ein. Ein erheblicher Teil dieser Einkäufe wird online getätigt und über Grenz-Paketshops abgewickelt, um Versandkosten zu sparen oder Produkte zu erhalten, die nicht in die Schweiz geliefert werden.


Die Vorteile: Viele Online-Händler (insbesondere bei Amazon.de oder eBay) bieten kostenlosen Versand innerhalb der EU an, verlangen aber heute schon hohe Gebühren für die Lieferung in die Schweiz. Mit der Einsparung dieser hohen Versandgebühren spart man sich schon mal das Benzin für die Fahrt nach Deutschland. Und viele Händler liefern aufgrund des Zollaufwands gar nicht mehr in die Schweiz. Durch die Abholung vor Ort können Konsumenten die deutsche Mehrwertsteuer (19 Prozent) zurückfordern und profitieren von der Schweizer Wertfreigrenze (derzeit 150 Franken pro Person), innerhalb derer keine Schweizer Mehrwertsteuer bezahlt werden muss. Nimmt man beim Abholen der Päckli zwei oder drei Personen mit und verbindet es mit einem Einkauf ennet der Grenze, erhöht sich der Freibetrag auf gegen 600 Franken.


Die Forderung des Gewerbeverbandes nach einer künstlichen Verteuerung der China-Päckli ist zwar nett, aber wir hoffen, dass das Parlament dieses mal nicht darauf hereinfällt und nach dem Kapitalfehler mit der Zollfreigrenze nicht auch noch den zweiten Fehler mit der künstlichen Verteuerung des ausländischen Online-Shoppings begeht. Das Verdrängen der Schweizer Kundschaft in Paketshops über die Grenzen würde die Schweizer Wirtschaft Milliarden kosten. Denn das Abholen der Päckli würde logischerweise für weitere Einkäufe im Ausland genutzt. Und die Verstärkung der Kontrollen an den Grenzen würden die Schweizer Steuerzahlenden Millionen kosten.

2 Kommentare

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Hank
26. Dez. 2025

„Gewerbe-Lobby“? Dass ich nicht lache. Dieser abschätzige Begriff ist nichts weiter als ein Ausdruck der allgemeinen Ansicht, ein Geschäft oder Betrieb sei per se etwas Schlechtes und niemand solle mit Arbeit auch etwas verdienen. Nun, Ihr Problem erledigt sich von selbst. Die Betriebe verschwinden, wie Sie ja selbst feststellen. Wer dann wohl die hohen Löhne, Sozialabgaben, vorgezogenen Recyclinggebühren, Steuern, Rechnungen für Kontrollen usf. bezahlt? Vielleicht mal eine Rechnung nach Mühlhausen oder gleich nach Shanghai schicken… Sowas wie einen Landeszusammenhalt gibt es in unserem EU-Protektorat ohnehin nicht, allenfalls an Schwingfesten vielleicht.

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Redaktion soaktuell.ch
27. Dez. 2025
Antwort an

Danke für den Kommentar. Wir freuen uns, wenn wir mit unseren Artikeln Reaktionen auslösen. Der Begriff Gewerbe-Lobby ist nicht abschätzig gemeint, es gibt ja auch die Bauern-Lobby oder die Banken-Lobby und viele mehr. Wir haben nichts gegen Lobby-Arbeit. Das ist völlig okay. Aber sie sollte konstruktiv sein, nicht destruktiv. Seien Sie ehrlich und ändern sie etwas an den von Ihnen aufgezählten hohen Kosten, Gebühren, Kontrollen und Abgaben in der Schweiz. Genau diese Kosten drücken nämlich auch aufs Budget der Normalbürger, die dann eben die Möglichkeiten des günstigeren Einkaufens im Ausland suchen. Zurecht übrigens. Das Gewerbe wird nicht besser, wenn Sie der Konkurrenz aus dem Ausland das Leben schwer machen, sondern wenn Sie die Schweiz wettbewerbsfähiger machen. Die Redaktion.

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