E-Bike und Bahn anstatt Zweitwagen? Trägt E-Bike Schuld an sinkenden Autoverkäufen?
- Redaktion soaktuell.ch

- 27. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Die Zahlen der letzten zehn Jahre sind eindeutig: Während das E-Bike die Schweizer Strassen erobert, verliert das Auto an Boden. Doch die Statistik zeigt noch etwas anderes: Das Elektrovelo ist nicht der Feind des öffentlichen Verkehrs, sondern sein wichtigster Komplize.

Wer die Mobilitätsdaten der letzten Dekade in der Schweiz vergleicht, sieht eine Schere, die immer weiter auseinandergeht. Auf der einen Seite steht der Aufstieg des E-Bikes, auf der anderen ein markanter Rückgang bei den Neuwagenkäufen.
Der Mobilitäts-Check: 2014 vs. 2025
Der direkte Vergleich macht das Ausmass der Veränderung deutlich:
Bereich | Stand 2014 | Stand 2025 (aktuell) | Veränderung |
E-Bike Verkäufe | 57'613 | ca. 130'500 | + 126 % |
Auto-Neuzulassungen | 297'822 | 232'602 | – 22 % |
SBB Reisende (pro Tag) | 1,18 Mio. | 1,43 Mio. | + 21 % |
Halbtax-Abos | 2,3 Mio. | 3,45 Mio. | + 50 % |
(Quellen: Velosuisse, BFS, SBB)
Warum das Auto aktuell den Kürzeren zieht
Der Rückgang der Auto-Neuzulassungen um über 20 Prozent in zehn Jahren ist massiv, obwohl in dieser Zeit die Schweizer Bevölkerung um fast 1 Mio. Menschen gewachsen ist. Experten sehen hier einen direkten Zusammenhang mit dem E-Bike-Boom. Eine aktuelle Studie der ETH Lausanne (EPFL) bestätigt: Fast jeder zweite E-Bike-Fahrende ersetzt damit regelmässig Autofahrten. Das zeigen auch obige Zahlen.
Besonders bei den schnellen S-Pedelecs (bis 45 km/h) ist der Substitutionseffekt hoch. Auf Strecken bis zu 15 Kilometern ist das E-Bike in Schweizer Agglomerationen oft schneller als das Auto – und die mühsame Parkplatzsuche in Städten wie Olten, Aarau oder Baden entfällt komplett. Das E-Bike hat das "Zweitauto" in vielen Haushalten schlichtweg überflüssig gemacht.
Das "Dream-Team": E-Bike und Bahn
Interessanterweise kannibalisieren E-Bikes den öffentlichen Verkehr (öV) nicht. Im Gegenteil: Die SBB verzeichnete 2025 ein Rekordjahr mit 1,43 Millionen Passagieren pro Tag. Das E-Bike fungiert hier als perfekter "Zubringer". Das Thema freier Veloplätze an Bahnhöfen hat sich in den letzten zehn Jahren auch dramatisch verschärft. Alle diese Entwicklungen ergeben ein klares Bild.
Früher war der Weg zum Bahnhof zu weit oder zu hügelig, um ihn mit dem normalen Velo zurückzulegen, ohne verschwitzt im Zug zu sitzen. Heute überbrückt das E-Bike diese "letzte Meile" mühelos. Dass mittlerweile 3,45 Millionen Menschen in der Schweiz ein Halbtax besitzen, zeigt: Die Schweizer kombinieren ihre Mobilität (Multimodalität). Man fährt mit dem Elektrovelo zum Bahnhof und mit dem InterCity weiter.
Der Wandel im Kopf
Hinter den nackten Zahlen steckt ein kultureller Wandel:
Ökonomie: Ein E-Bike kostet im Unterhalt nur einen Bruchteil eines Autos (Versicherung, Benzin, Parkplatz). Schweizerinnen und Schweizer sind sehr preissensibel geworden. Früher rechnete man damit, dass rund ein Drittel der Bevölkerung das Leben massgeblich nach den Kosten ausrichtete. Heute sind es bereits Dreiviertel. Die Autobranche trägt wesentliche Schuld an der Abwanderung der Kundschaft, trieb sie diese doch mit in den letzten zehn Jahren extrem gestiegenen Preisen für Neuwagen, Service und Reparaturen mit Vollgas in Alternativen. So schnell wird die Autobranche diese verlorenen Kundinnen und Kunden nicht mehr gewinnen können.
Gesundheit: Das E-Bike macht den Arbeitsweg zur Sporteinheit, ohne zu überfordern. Tägliches Ausdauertraining für Herz-Kreislauf - ohne dass man es merkt.
Platzmangel: In den urbanen Zentren wird der Raum für Autos knapper, während die Veloinfrastruktur (wenn auch langsam) ausgebaut wird. Immer mehr Städte bauen Parkplätze ab oder erschweren die Zufahrt für Autos. An den Bahnhöfen hingegen werden Veloinfrastrukturen ständig ausgebaut, aktuell beispielsweise in Langenthal oder Herzogenbuchsee, sowie demnächst in Olten-Hammer und Rothrist. Auch die Stausituation auf den Autobahnen nimmt zu. Bund und Kantone haben es verpasst, die Infrastruktur der rasch wachsenden Bevölkerung anzupassen. Das rächt sich nun. Das Volk zieht die Konsequenzen.
Fazit für die Region
Für die Kantone Aargau und Solothurn bedeutet das: Die Mobilität wird leiser, effizienter und vernetzter. Das E-Bike ist kein Spielzeug und auch kein reines Sportgerät mehr, sondern ein ernsthaftes Verkehrsmittel, das dem Auto (vor allem den Zweitwagen) den Rang abläuft und die Bahn stärkt. In der Region Aargau-Solothurn müssen vor allem gute Veloinfrastrukturen an den Bahnhöfen geschaffen werden.
Das Auto hingegen wurde vom Massengut zum Luxusgut. Die "Auto-Schweiz" von 2014 ist im Jahr 2026 endgültig zur "Velo-Bahn-Schweiz" geworden. Dieser Trend könnte erst wieder kippen, wenn der Automarkt mit günstigen E-Autos (Kleinwagen, Mittelklassewagen, Kombis, SUVs und Minivans) geflutet würde, die rund ein Drittel weniger kosten als heute. Doch auch die Garagenpreise für Service, Unterhalt und Reparaturen müssten um die Hälfte runter. Hier bräuchte es einen Befreiungsschlag. Ansonsten dürfte sich die Veränderung der Mobilität in der Schweiz weiter weg vom Auto Richtung E-Bike und Bahn, entwickeln. Denn neben den hohen Autokosten bleiben die beschränkenden Elemente wie der Stau und der "Parkplatzschwund" sowie die Geschwindigkeitsreduktionen (30er-Zonen) und explodierenden Versicherungskosten bestehen. Ja, sie verschärfen sich sogar, weil die Autobranche mit jedem Autofahrer weniger an politischer Kraft verliert.









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