Die Migros ist nur noch eine Bank, mit ein paar Supermärkten
- Redaktion soaktuell.ch
- vor 1 Minute
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Wer das Jahresergebnis der Migros Bank und der gesamte Migros Gruppe studiert merkt sofort, dass die Situation für Migros übel aussieht. Auf den ersten Blick glänzt 2025 ein Gruppengewinn von 279 Millionen Franken. Doch schaut man hinter die Fassade der Genossenschaft, zeigt sich eine riskante Abhängigkeit: Ohne die Migros Bank und den Online-Giganten Digitec Galaxus würde die riesige Migros gar nichts mehr bringen. Das Supermarktgeschäft ist mittlerweile reine Selbstbefriedigung.

Jörg Staudacher, Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Vertrieb und Handel, brachte es jüngst pointiert auf den Punkt: «Die Migros ist eine Bank mit Detailhändler.» Was nach einer zugespitzten Provokation klingt, wird durch die harten Fakten des Geschäftsjahres 2025 untermauert. Während der Gesamtkonzern einen Gewinn von 279 Millionen Franken ausweist, steuerte allein die Migros Bank einen Reingewinn von 276,2 Millionen Franken bei. Das sagt schon alles.
Die Bank als Lebensversicherung
Die Rechnung ist simpel wie erschreckend: Fast 99 % des Konzerngewinns entsprechen rechnerisch dem Ergebnis der Banktochter. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der gesamte restliche Apparat – von den riesigen Supermärkten über die Industrie bis hin zu den Fachmärkten – unter dem Strich kaum einen positiven Beitrag zum Endergebnis leistete.
Dabei ist der Umsatz im genossenschaftlichen Detailhandel mit 24,3 Milliarden Franken zwar gewaltig gross und stabil, doch die Margen sind im Keller. Die Gründe dafür sind hausgemacht und werden als strategisch gewollt dargestellt: Die Migros befindet sich mitten in einer historischen Transformation. Unter dem neuen Kurs wurden 3500 Produkte im Preis gesenkt, um im harten Wettbewerb mit Coop, Aldi und Lidl zu bestehen. Gleichzeitig flossen rund 2 Milliarden Franken in die Modernisierung von 140 Filialen. Ob die Migros aber die Luft für eine Fortsetzung dieses teuren Preiskampfes hat, oder ob sie einfach wieder von Coop, Aldi und Lidl abgehängt wird, wird sich zeigen.
Digitec Galaxus: Der digitale Rettungsanker
Neben der Bank ist es vor allem Digitec Galaxus, das der Migros die Zukunft sichert. Mit einem Umsatz von 3,8 Milliarden Franken und einem beeindruckenden Wachstum von 17 % im Jahr 2025 ist die Online-Tochter zum unverzichtbaren Wachstumsmotor geworden. Während die klassischen Fachmärkte wie Micasa oder SportX im Zuge der Portfoliobereinigung verkauft oder restrukturiert wurden, liefert der Online-Handel die notwendige Dynamik.
Ein Konzern im radikalen Umbau
Man muss der Migros-Führung zugutehalten: Sie liefert trotz des Gegenwinds. Der Abschluss der Portfoliobereinigung – inklusive des Verkaufs von Hotelplan – hat enorme Kapazitäten und Kapital gebunden. Dass trotz dieser massiven Restrukturierungskosten ein Gewinn von 279 Millionen Franken resultiert, zeigt eine gewisse operative Widerstandsfähigkeit.
Dennoch bleibt das Bild ambivalent. Die Migros nutzt die sprudelnden Gewinne ihrer Bank, um den teuren Umbau des Kerngeschäfts zu subventionieren. Für die Kunden in der Region – etwa in den Kantonen Aargau und Solothurn, wo die Migros mit Logistikzentren und zahlreichen Filialen ein wichtiger Arbeitgeber ist – bedeutet das: Die Nahversorgung ist gesichert, aber der Druck auf die Effizienz im Supermarktregal wird weiter zunehmen. Im Supermarkt wird es 2026 einen regelrechten Preiskrieg geben, vor allem zwischen Migros, Aldi und Lidl sowie dem Einkaufstourismus nach Deutschland.
Solidität mit Fragezeichen
Solid ist anders. Die Migros ist ein Risiko. Auf der einen Seite steht das hochprofitable Finanzgeschäft und der dynamische Online-Handel. Auf der anderen Seite kämpft der stationäre Detailhandel mit hohen Fixkosten und sinkenden Margen. Sogar die Migros-Tankstellen von Migrol verloren im letzten Jahr 6,5% Umsatz, trotz immer mehr E-Ladestationen. Der Migros sind viele enttäuschte "Migros-Kinder" davongelaufen. Auch das kann man aus dem Ergebnis ablesen. Die Strategie „Tiefpreise und Milliarden-Investitionen“ kann nur so lange gutgehen, wie die Bank die nötigen Millionen liefert. Jörg Staudachers Urteil mag hart sein, doch die Zahlen 2025 geben ihm recht: Die Migros lebt derzeit fast nur noch von ihrer Bank – und investiert diesen Gewinn, hoffentlich klug genug, um in Zukunft auch wieder mit Äpfeln und Brot echtes Geld zu verdienen. Im März informiert die Migrosspitze über das Jahresergebnis und die nächsten Schritte. Neben dem üblichen Schönreden obiger Tatsachen darf man gespannt darauf sein, wie die Migros all die enttäuschten und verärgerten Kundinnen und Kunden zurückholen gedenkt.
