top of page
Logo soaktuell.ch
  • bluesky
  • Pinterest

Der 600-Millionen-Scherbenhaufen der Migros

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • vor 3 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Am 24. März 2026 will das Migros Mutterhaus über ihr Jahresergebnis 2025 berichten. Zwei Wochen zuvor wird bereits mit einer erneuten Negativschlagzeile abgelenkt. Es ist ein finanzielles Debakel von historischem Ausmass: Die Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) zieht die Reissleine und flüchtet aus dem deutschen Markt. Zurück bleibt ein Verlust von 600 Millionen Euro, Tausende verunsicherte Mitarbeiter und die bittere Erkenntnis, dass Grössenwahn und Schweizer Selbstgefälligkeit an der Realität des harten deutschen Discount-Marktes zerschellt sind. Migros kann es einfach nicht. Ein Kommentar zum Ende eines angekündigten Scheiterns.


Von Redaktion soaktuell.ch


Letztlich bezahlen immer die Kundinnen und Kunden solche Scherbenhaufen: Wie sich die Migros auf dem «hohen Ross» in Deutschland verrannte. Bild KI-generiert Gemini.
Letztlich bezahlen immer die Kundinnen und Kunden solche Scherbenhaufen: Wie sich die Migros auf dem «hohen Ross» in Deutschland verrannte. Bild KI-generiert Gemini.

Es war das Jahr 2013, als die Migros Zürich mit grossen Ambitionen und noch grösseren Portemonnaies über den Rhein blickte. Die Übernahme der hessischen Bio-Supermarktkette Tegut sollte der Brückenkopf für die Eroberung des grossen Nachbarkantons – pardon, Nachbarlandes – sein. Man gab sich überzeugt: Was in der Schweiz funktioniert, wird auch den Deutschen guttun. Doch heute, 14 Jahre nach dem ersten Engagement und elf Jahre nach dem Tegut-Kauf, steht fest: Der Ausflug nach Deutschland war kein strategischer Schachzug, sondern ein Ritt auf dem hohen Ross, der im wirtschaftlichen Abgrund endete.


Ein Grab für 600 Millionen Euro an Genossenschaftsgeldern


Die nackten Zahlen, die Migros präsentieren muss, sind erschütternd. Insgesamt belaufen sich die Verluste auf bis zu 600 Millionen Euro. Das ist kein blosser «ausserordentlicher Aufwand», wie es in der Pressemitteilung beschönigend heisst – das ist die Vernichtung von massiven Werten, die von den Schweizer Genossenschaftern über Jahrzehnte mühsam erwirtschaftet wurden.


Allein im Jahr 2025 wird der Rückzug weitere 270 Millionen Euro kosten. Dass man nun «Stillschweigen» über den Verkaufspreis an den deutschen Riesen Edeka vereinbart hat, überrascht wenig. Wer will schon öffentlich zugeben, dass er ein einst teuer gekauftes Expansionsprojekt am Ende wohl zu einem Bruchteil des Preises verramschen musste, nur um die blutende Wunde endlich zu schliessen?


Die Arroganz der kleinen Grösse


Warum ist die Migros so kläglich gescheitert? Der Fehler lag im System. Die Migros trat in Deutschland mit der Attitüde des Schweizer Marktführers auf, übersah dabei aber, dass sie im Vergleich zu den deutschen Giganten wie Edeka, Rewe, Aldi oder Lidl ein winziger Zwerg war. Man wollte «Bio» und «Premium» verkaufen in einem Land, in dem der Preis die alles entscheidende Währung ist.


Statt die eigenen Konzepte radikal an den deutschen Markt anzupassen, hielt man jahrelang an einer Strategie fest, die offensichtlich nicht aufging. Sanierungsplan folgte auf Sanierungsplan, Fristen wurden gesetzt und wieder verlängert. Noch vor kurzer Zeit hiess es, man habe Zeit bis Ende 2026. Dass nun der überstürzte Verkauf erfolgt, gleicht einer Kapitulation vor der eigenen Unfähigkeit, das Ruder herumzureissen.


7400 Mitarbeiter als Leidtragende


Besonders bitter ist die Lage für die über 7400 Angestellten. Zwar verspricht die Migros, dass die Arbeitsplätze in den Filialen durch die Übernahme durch Edeka (und eventuell Rewe) gesichert seien, doch für die Menschen in der Logistik, der Zentrale in Fulda und der Herzberger-Bäckerei herrscht massive Unsicherheit. Sie sind die Leidtragenden einer Management-Riege, die sich bei der Expansion schlichtweg verzockt hat.


Die Migros Zürich spricht davon, dass die Entscheidung «äusserst schwergefallen» sei. Das mag sein. Doch die bittere Wahrheit ist: Dieser Schritt war längst überfällig. Die Analyse, dass Tegut langfristig nicht wirtschaftlich zukunftsfähig sei, hätte man im Limmatplatz-Hauptquartier schon vor Jahren treffen können – und müssen.


Ein Warnschuss für die gesamte Migros-Gruppe


Das Debakel in Deutschland ist mehr als nur ein regionaler Fehlschlag. Es ist symptomatisch für eine Migros-Gruppe, die in den letzten Jahren oft den Fokus verloren hat. Während man in der Schweiz mit hausgemachten Problemen, Reorganisationen und dem Abbau von liebgewonnenen Traditionsmarken (wie Fachmärkten oder SportX) kämpft, verbrennt man im Ausland hunderte Millionen.


Der Rückzug nach Hause erfolgt mit eingezogenem Schwanz. Der Traum vom grossen deutschen Markt ist ausgeträumt. Was bleibt, ist eine dicke Delle in der Bilanz und der Beweis, dass Schweizer Selbstherrlichkeit an der Grenze endet. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen aus diesem 600-Millionen-Euro-Lehrgeld die richtigen Schlüsse ziehen: Weniger Hochmut, mehr Fokus auf das Kerngeschäft und vor allem – ein verantwortungsvollerer Umgang mit dem Geld der Genossenschafter.

bottom of page