Gewerbeausstellungen-Check: Warum die einen boomen, während andere aufgeben
- Redaktion soaktuell.ch

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In der Region Aargau-Solothurn zeigt sich ein gespaltenes Bild bezüglich den Gewerbeschauen oder Gewerbeausstellungen: Während einige Gewerbevereine ihre traditionellen Ausstellungen mangels Ressourcen absagen müssen, feiern andere Rekorderfolge. Ein Blick auf die regionale Landkarte zeigt: Der Erfolg ist kein Zufall, sondern das Resultat von Teamwork, Fleiss, Beharrlichkeit und einer harten Anpassungsstrategie. Während Fixpunkte wie die HESO oder die AMA den Takt vorgeben, setzen lokale Messen wie die bevorstehende MUGA in Murgenthal eigene, starke Akzente.

Es ist ein fester Bestandteil der Schweizer KMU-Kultur: Alle paar Jahre verwandelt sich die lokale Mehrzweckhalle in ein Schaufenster der regionalen Wirtschaft. Doch der Schein trügt. Hinter den Kulissen kämpfen viele Gewerbevereine ums Überleben. In Gemeinden wie Wolfwil oder Strengelbach (und vielen anderen) orientieren sich Betriebe zunehmend an grösseren Zentren oder setzen auf kleine Netzwerk-Events, statt eine eigene Grossausstellung zu stemmen.
Die Leuchttürme: HESO und AMA als Massstab
Wenn man über Gewerbemessen in der Region spricht, kommt man an den „Grossen“ nicht vorbei. Die HESO (Herbstmesse Solothurn) und die AMA (Aargauer Messe Aarau) sind weit mehr als reine Verkaufsschauen; sie sind kantonale Volksfeste. Die HESO in der Solothurner Vorstadt ist für das lokale Gewerbe ein „State of Mind“ – wer hier nicht dabei ist, existiert in der Wahrnehmung vieler Kunden kaum. Die AMA im Aarauer Schachen wiederum läutet traditionell den Frühling ein.
Diese Grossanlässe funktionieren, weil sie hochprofessionell geführt werden und ein Budget stemmen können, das nationale Acts und riesige Genussmeilen ermöglicht. Sie setzen den Goldstandard, an dem sich kleinere Messen heute messen lassen müssen.
Warum das "Milizsystem" an seine Grenzen stösst
Doch warum schaffen es einige Vereine im Schatten dieser Riesen nicht mehr? Ein Hauptgrund ist der strukturelle Burnout. Die Organisation einer mehrtägigen Gewerbeausstellung erfordert tausende Stunden Fronarbeit und eine umfangreiche Werbekampagne. In vielen Vereinen lastet diese Aufgabe auf den Schultern desselben „harten Kerns“, der seit Jahrzehnten im Einsatz steht. Findet sich kein Nachwuchs, der bereit ist, diese Freizeit zu opfern, stirbt die Messe mit dem Rücktritt des Organisationskomitees oder vereinzelten Mitgliedern daraus.
Zudem hat sich die wirtschaftliche Realität der KMU verschärft. Der Fachkräftemangel ist hier der entscheidende Faktor: „Wir haben volle Auftragsbücher, aber kein Personal, das wir am Wochenende an einen Stand stellen können“, hört man oft von Schreinern, Elektrikern oder Maurern. Wenn dann die Standmiete und der Materialaufwand dazukommen, wird die Kosten-Nutzen-Rechnung für viele Betriebe negativ – besonders, wenn die Messe nur „Produkte in eine Halle stellt“, statt ein echtes Erlebnis zu bieten.
Die Erfolgsformel: Regionalisierung und Eventcharakter
Dort, wo es boomt, hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Das Zauberwort heisst Regionalisierung. Anstatt dass jedes Dorf für sich kämpft, bündeln starke Verbände die Kräfte. Ein Paradebeispiel ist die REXPO in Hägendorf, die zuletzt mit über 80 Ausstellern bewies, dass ein Verbund aus Hägendorf, Kappel und Rickenbach eine enorme Schlagkraft entwickelt. Auch die Stadt Zofingen setzt auf zentrale Formate wie den Vereins- und Infomarkt, um die Kräfte zu bündeln und zieht auch Gewerbetreibende aus Strengelbach oder Vordemwald an, die dort ausstellen.
Erfolgreiche Messen sind heute „Erlebniswelten“. Es braucht Streetfood-Meilen, attraktive Abendunterhaltung und gezielte Interaktion. Wer nur einen Prospektständer hinstellt, verliert gegen das Internet. Wer aber das Handwerk erlebbar macht – etwa durch Lehrlingswettbewerbe oder Live-Demos – gewinnt die Herzen der Besucher.
Das Phänomen MUGA
Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt die MUGA (Murgenthaler Gewerbeausstellung) eindrücklich. Vom 17. bis 19. April 2026 wird Murgenthal zum Zentrum des regionalen Gewerbes. Die Nachfrage war so gewaltig, dass die Messe bereits Monate im Voraus ausgebucht war.
Das Besondere an der MUGA ist ihre verbindende Kraft. Durch den Einbezug von Fulenbach (SO) und den umliegenden Riken, Glashütten und Balzenwil, wird die Kantonsgrenze zur Nebensache. „Hier spürt man noch die echte Verankerung im Dorf“, sagen die Organisatoren. Man lebt bewusst den Mut zur Kleinheit. Und trotzdem: An der MUGA findet man alle Elemente grosser Gewerbeschauen, einfach im kleineren Rahmen und günstiger.
Mit dem Mix aus Gewerbeschau, Festwirtschaft und Unterhaltung trifft die MUGA genau den Nerv der Bevölkerung, die sich nach persönlichem Kontakt und sozialer Begegnung in einer zunehmend digitalen Welt sehnt. Wahrscheinlich ist genau deshalb der Slogan der diesjährigen MUGA "Ein Volksfest für die ganze Familie."
Ähnlich aktiv zeigt sich Safenwil mit der kommenden SAGA, die ebenfalls auf den Community-Faktor setzt.
In Oensingen gibt es keine reine, losgelöste "Gewerbemesse" im klassischen Sinn, die alle paar Jahre ums Überleben kämpfen muss. Stattdessen ist die Gewerbeausstellung traditionell ein fester und äusserst erfolgreicher Bestandteil des jährlichen Zibelimärets. Das lokale Gewerbe präsentiert sich in einem grossen Gewerbezelt direkt auf dem Festgelände. Dies garantiert dem Gewerbeverein eine enorme Laufkundschaft, da der Markt zehntausende Besucher aus der ganzen Region anzieht. Es gibt weniger Standplätze als bei reinen Gewerbeausstellungen, dafür findet diese faktisch jährlich statt. Man muss sich bei diesem Konzept aber bewusst sein, dass der Faktor "Gewerbe" am Zibelimäret nur eine Nebenrolle spielt.
Auch Städte haben es schwer
Trauergeschichte in Zofingen: Die ZOGA ist Geschichte und lebt seit 2017 in der Regiomesse weiter. Nach der Coronapause kam 2023 die Absage, angeblich mangels Ausstellenden. Hinter vorgehaltener Hand hiess es in Gewerbekreisen, die Standpreise seien für regionale Gewerbler schlicht zu teuer und die Messe habe keine Tradition. Die Kritik lautete, dass die Werbung fast ausschliesslich "nach innen" gerichtet war. Man versuchte krampfhaft, Aussteller zu gewinnen, versäumte es aber, ein emotionales Konzept für die Besucher zu kommunizieren, so wie es etwa die Murgenthaler seit vielen Jahren mit ihrer MUGA erfolgreich praktizieren. Wenn potenzielle Aussteller nicht sehen, dass die Messe als "Event" massiv und breit beworben wird, fürchten sie, vor leeren Gängen zu stehen. Eine Medienpartnerschaft, ein paar Zeitungsberichte und Inserate genügen längst nicht mehr. Da die Begeisterung in der Öffentlichkeit fehlte, blieb die Resonanz der Gewerbler aus. Eine Gewerbeausstellung also am Gewerbe vorbei? Im offiziellen Veranstaltungskalender der Stadt Zofingen für 2026 ist die Regiomesse bisher nicht aufgeführt. Man konzentriert sich aktuell eher auf Netzwerk-Events wie den "Ball der Wirtschaft".
Die klassische Dorf-Gewerbeausstellung im Alleingang hat es schwer. Die Zukunft gehört regionalen Verbund-Messen, die das Gewerbe nicht als trockene Produktschau, sondern als lebendigen Treffpunkt inszenieren. Ob bei den Grossen wie der HESO, AMA oder den starken Regionalmessen wie der MUGA: Das lokale Gewerbe lebt – man muss ihm nur die richtige Bühne bieten und nicht meinen, man könne mit einer Gewerbeausstellung reich werden.
Sich zusammentun und die besten Profis aus den Gemeinden ins OK nehmen
Der Schlüssel zum Erfolg liegt wie immer bei den Menschen und beim Teamwork. Dass sich mehrere Gemeinden für eine Gewerbeausstellung zusammentun ist noch keine Garantie auf Erfolg. Aus diesen Gemeinden müssen dann die besten und erfahrensten verfügbaren Spezialisten für die Planung der Ausstellung (Ausstellungsarchitekt), für die Festwirtschaft, den Bau, die Tombola, die Werbekampagne und Medienarbeit in einem Organisationskomitee zusammen gezogen werden. Es müssen Leute sein, die aus Überzeugung und Wertschätzung mitmachen und nicht für Geld. Wer in einem OK einer Gewerbeschau Geld verdienen will, ist dort falsch.
Wen das gelingt, ist der Erfolg garantiert. Denn die Herausforderungen an ein Organisationskomitee einer Gewerbeausstellung sind gewaltig und können nur von erfahrenen Profis gemeistert werden, die unter Druck nicht umkippen. Denn alle haben nebenbei ein Berufs- und Privatleben. Amateure, die vielleicht mal eine Homepage gestaltet oder einen Flyer mit KI erstellt haben, aber kaum in der Lage sind, einen Satz fehlerfrei zu schreiben, dürften rasch an die Grenzen kommen.
Die wichtigsten Termine der Region (2026/2027)
Hier eine nicht abschliessende Übersicht mit Gewerbeschauen und Gewerbeausstellungen aus der Region Aargau-Solothurn, die unserer Redaktion bereits gemeldet wurden.
Messe / Event | Ort | Datum |
AMA (Aargauer Messe Aarau) | Aarau, Schachen | 25. – 29. März 2026 |
MUGA 26 | Murgenthal (AG) | 17. – 19. April 2026 |
Tag der reg. Wirtschaft | Rothrist (Schöni AG) | 5. Mai 2026 |
MEGA Thal | Balsthal (SO) | 8. – 10. Mai 2026 |
SAGA 26 | Safenwil (AG) | 12. – 14. Juni 2026 |
Vereins- & Infomarkt | Zofingen (Altstadt) | 13. Juni 2026 |
HESO (Herbstmesse SO) | Solothurn | 25. Sept. – 4. Okt. 2026 |
BRIGA 26 | Brittnau (AG) | 2. – 4. Okt. 2026 |
Herbst-Märit | Rothrist (AG) | 24. Oktober 2026 |
Zibelimäret | Oensingen (SO) | 23. – 25. Okt. 2026 |
Regio Mäss Gäu | Neuendorf (SO) | 16. – 18. April 2027 |
MADA 27 | Aarburg (AG) | 23. – 25. April 2027 |




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