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Warum immer mehr Gemeinderäte keiner Partei mehr angehören

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • 2. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

In der kommunalen Politik geht es selten um die grosse Weltbühne, aber immer um alles: den Bau des Schulhauses oder Mehrzweckhalle, die Sanierung der Hauptstrasse, Tempo 30 Zonen, die Wahl der Schulleitung oder die Integration von Ausländern vor Ort. Doch wenn Parteidoktrin über Sachverstand siegt, droht Stillstand und Blockade. Deshalb gehören immer mehr Gemeinderätinnen und Gemeinderäte in den Kantonen Aargau und Solothurn keiner Partei mehr an. Ein Überblick.


KI-generiertes Bild zur Illustration.
KI-generiertes Bild zur Illustration.

Im Aargau ist der Trend zur Parteilichkeit in den Gemeinderäten massiv rückläufig. Laut dem brandneuen „Gemeindestrukturbericht 2025“ (veröffentlicht im November 2025) sieht die Situation wie folgt aus: Mittlerweile gehören 58,6 % aller Gemeinderätinnen und Gemeinderäte im Aargau keiner politischen Partei mehr an. Im Jahr 2021 lag er noch bei 54,7 %, im Jahr 2017 bei rund 50 %.


Im Kanton Solothurn sind die Strukturen traditionell noch etwas stärker parteipolitisch geprägt, doch auch hier bröckelt die Dominanz der grossen Parteien auf lokaler Ebene. Offizielle kantonsweite Statistiken zur genauen Anzahl parteiloser Gemeinderäte gibt es sicher, aber wir konnten sie online nicht finden. Also mussten wir die Zahlen zusammentragen. In den ländlichen Gemeinden (z.B. im Bucheggberg oder im Thal) schätzt man den Anteil der Parteilosen oder Mitglieder von freien Wählerlisten in den Exekutiven ebenfalls auf über 40 % bis 50 %.


In Städten wie Solothurn, Olten oder Grenchen dominieren hingegen weiterhin die etablierten Parteien (FDP, SP, Mitte, SVP, Grüne/GLP), da hier meist nach dem Proporzsystem (Listenwahl) gewählt wird, was die Parteibildung begünstigt.


Fazit:


Vor allem in kleineren und mittleren Gemeinden wird es für die Ortsparteien immer schwieriger, Kandidaten unter ihrem Banner zu finden. Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich lieber sachbezogen und „frei“, ohne sich einer nationalen Parteidoktrin unterwerfen zu müssen.


Die Gesamterneuerungswahlen im Mai 2025 haben im Kanton Solothurn gezeigt, dass zwar die SVP zulegen konnte, aber gleichzeitig die Anzahl der „wilden“ Kandidaturen oder überparteilichen Listen in den kleineren Dörfern weiter zugenommen hat.


Mut zur Sachlichkeit


Von der Theorie zur Praxis ist es oft ein steiniger Weg. Das griechische Wort Demokratie setzt sich aus demos (Volk/Gemeinde) und kratos (Macht/Stärke) zusammen. Es bedeutet Volksherrschaft. Doch in der Realität unserer Gemeindestuben im Mittelland fühlt sich diese Herrschaft oft eher nach einem Tauziehen an. Dabei ist gerade auf kommunaler Ebene eine Tugend gefragt, die in der nationalen Arena oft verloren geht: der Mut zur Sachlichkeit.


Wenn Ideologie den Fortschritt bremst


Kommunalpolitik ist Lebensraumgestaltung. Wer hier Verantwortung übernimmt – ob im Solothurner Kantonsrat, in einem Aargauer Gemeinderat oder in einer ehrenamtlichen Kommission –, merkt schnell: Schlagworte allein füllen keine Schlaglöcher. Problematisch wird es immer dann, wenn die „Parteifarben“ wichtiger werden als die Lösung. Wir sehen dies oft bei Infrastrukturprojekten in der Region. Ein Beispiel ist die Debatte um die Verkehrsentlastung in der Klus oder im Ostaargau. Wenn sich die Fronten so verhärten, dass über Jahrzehnte keine Lösung gefunden wird, verlieren am Ende alle Bürgerinnen und Bürger. Hier wird die Gemeinde zur Bühne für parteipolitische Inszenierung, statt zum Lebensraum für alle.


Warum wir Parteien trotzdem brauchen


Trotz der Kritik am „Parteien-Zank“ wäre eine Politik ohne sie nicht denkbar. Parteien sind das Betriebssystem unserer Demokratie. Warum?


  1. Wertekompass: Sie liefern ein Fundament. Wer im Aargau FDP wählt, erwartet liberale Ansätze; wer im solothurnischen Leberberg die SP wählt, setzt auf soziale Schwerpunkte. Parteien machen Profile berechenbar. Und Parteien sind per Definition parteiisch. Sie müssen Stellung beziehen. Wischiwaschi geht nicht.

  2. Kaderschmiede: Woher kommen die Gemeinderäte in Zofingen oder Grenchen? Parteien sind die Orte, an denen politische Talente das Handwerk lernen – vom Budgetlesen bis zur Debattenkultur. Sie lernen, was in Wahlkämpfen funktioniert und wie man überhaupt erfolgreich Wahlkampf betreibt. Sie lernen auch, wie man Mitglieder bei Laune hält.

  3. Interessenausgleich: Sie bündeln tausende Einzelinteressen zu mehrheitsfähigen Programmen.


Das Problem ist also nicht die Existenz der Parteien, sondern deren Selbstzweck. Sie sollten wie Leitplanken wirken: Sie geben die Richtung vor, aber das Ziel muss immer das Gemeinwohl bleiben.


Beispiele aus der Region


In Solothurn und Aargau zeigt sich, dass die besten Ergebnisse dort erzielt werden, wo Pragmatismus vor Ideologie steht:


  • Gemeindefusionen: Im Kanton Solothurn haben Gemeinden wie Buchegg bewiesen, dass man durch Kooperation Stärke gewinnt. Das erfordert den Mut, alte Zöpfe abzuschneiden.

  • Siedlungsdruck: Im Aargau zwingt der Platzmangel zur engen Zusammenarbeit in der Raumplanung. Wo Pragmatismus herrscht, entstehen lebenswerte Quartiere; wo Rechthaberei regiert, blockieren Einsprachen den Fortschritt über Jahre.


Wir müssen Politik wieder stärker „von unten“ denken. Dort, wo Entscheidungen unmittelbar wirken. Das bedeutet: Zuhören statt Übertönen, Transparenz statt Hinterzimmer und Verantwortung statt Schuldzuweisung. Und dazu braucht es keine Parteizugehörigkeit. Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung.

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