Warum der Strom-Niedertarif am Tag auf Bundesebene rasch kommen muss
- Redaktion soaktuell.ch
- vor 14 Stunden
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Während die Schweiz den Ausbau der Photovoltaik (PV) vorantreibt, stehen wir vor einem absurden Paradoxon: Mittags, wenn die Sonne am stärksten brennt und die Netze vor sauberem Strom überquellen, ist der Strom für Verbraucher vieler Gemeinden oft am teuersten. Wann endlich kommt der Niedertarif während dem Tag? Schlafen Nationalrat und Ständerat?

Wer heute eine Waschmaschine startet oder sein Elektroauto lädt, tut dies idealerweise dann, wenn die Sonne scheint. Das entlastet die Netze und nutzt die lokale Produktion. Doch die Tarifstruktur vieler lokaler Energieversorgungsunternehmen (EVU) stammt aus einer anderen Ära. Der klassische Niedertarif gilt meist nur nachts – ein Relikt aus der Zeit, als man nachts die trägen Kernkraftwerke auslasten musste. Oder noch schlimmer, der Niedertarif wurde ganz abgeschafft.
Das Paradoxon der Eigenverbrauchs-Verhinderung
Aktuell arbeiten viele lokale Stromversorger faktisch gegen die Strategie des Bundes. Wer keine eigene PV-Anlage besitzt, zahlt mittags den vollen Hochtarif, selbst wenn die Nachbarschaft mit PV-Anlagen gerade massiv Überschussstrom ins Netz speist. Das führt dazu, dass wertvolle Energie unnötig weit abtransportiert und sogar vernichtet werden muss, anstatt direkt im Quartier verbraucht zu werden. Das belastet Netze und den Strommarkt.
Noch schlimmer: Für jene, die mit dem Bau einer Photovoltaik-Anlage liebäugeln, wird die Investition oft unattraktiv, weil die Rückliefertarife der EVU teilweise willkürlich tief angesetzt werden, während der Bezugspreis am Tag wie oben erwähnt hoch bleibt. Es gibt viele örtliche Stromlieferanten, welche das Problem damit bekämpfen wollen, den Bau von PV-Anlagen möglichst zu verhindern. Ohne einen Anreiz, den Strom dann zu verbrauchen, wenn er im Überfluss vorhanden ist, bleibt die Energiewende eine theoretische Übung.
Schweizerinnen und Schweizer ändern ihre Gewohnheiten sofort, wenn sich die Kostenstruktur verändert. Sie fahren zehn Kilometer weit an eine Tankstelle, wo das Benzin drei Rappen günstiger ist. Und sie schalten ihre Waschmaschinen, Geschirrspüler, den Warmwasserboiler, Backofen usw. dann ein, wenn der Strom am günstigsten ist. Auch viele E-Autos würden während der Niedertarifzeit geladen. Aber eben, man müsste eine verbindliche und klare Niedertarifzeit schaffen. Und die müsste sinnvollerweise dann sein, wenn an sonnigen Tagen überschüssiger Strom vernichtet wird.
Bund in der Pflicht: Schluss mit dem Tarif-Wildwuchs
Man darf die Lösung nicht dem Goodwill der über 600 Schweizer EVU überlassen. Viele Stromversorger kleben an ihren alten Gewinnmargen und sehen im dezentralen PV-Strom eher eine Störung ihres Geschäftsmodells als eine Chance.
Es braucht jetzt eine Anpassung auf Bundesebene und zwar schnell – durch eine verbindliche Verordnung. Die heutige Lösung funktioniert offensichtlich nicht. Die Schweizerinnen und Schweizer sind Willkür ausgesetzt, je nachdem wo sie wohnen und die politische Stossrichtung (möglichst viel Solarstrom) wird torpediert.
Die Kernforderungen müssen sein:
Ein obligatorischer Mittags-Niedertarif: Beispielsweise zwischen 11:00 und 15:00 Uhr muss der Netznutzungs- und Energietarif signifikant gesenkt werden, um den Verbrauch von Solarstrom zu forcieren. Diese Zeit muss aber verbindlich sein und täglich gelten, etwa von 1. März bis 30. September und zwar unabhängig von Sonnenschein oder Wetter, damit sich die Menschen an das Zeitfenster gewöhnen und sich darauf verlassen können. Einige vorbildliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen haben solche Niedertarife am Tag schon eingeführt, andere nicht, weil sie den Bau von PV-Anlagen bremsen und fette Gewinne machen wollen - zulasten der angeschlossenen Kundinnen und Kunden aber auch zulasten der eidgenössischen Energiepolitik.
Harmonisierung der Rückspeisevergütung: Es darf nicht sein, dass zweihundert Meter Distanz zwischen zwei Gemeinden darüber entscheidet, ob sich eine PV-Anlage amortisieren lässt oder nicht.
Transparenz für Smart Grids: Die Digitalisierung der Netze muss dazu dienen, flexible Tarife zu ermöglichen, die sich am tatsächlichen Angebot orientieren.
Fazit: Die Sonne schickt keine Rechnung – die örtliche Elektra schon
Die Energiewende scheitert derzeit nicht an der Technologie oder am Willen der Bürger, sondern an verkrusteten Tarifstrukturen, weil die örtlichen Stromversorger oftmals (nicht alle) der Bundespolitik diametral entgegen laufen. Ein gesetzlich verankerter Solartarif während des Tages würde nicht nur die Netze stabilisieren, sondern auch die Akzeptanz für den PV-Ausbau massiv erhöhen. Es ist Zeit, dass die Politik den Stecker zieht – und zwar bei den veralteten Tarifen von gestern. Dazu muss man die Stromversorger zwingen.
Wird dieser Niedertarif am Tag nicht rasch landesweit eingeführt, muss das Stromabkommen mit der EU angenommen werden, welches es ermöglicht, dass auch private Stromkunden den Anbieter wechseln können.
