swissAI fordert souveräne Schweizer KI-Infrastruktur
- Redaktion soaktuell.ch

- vor 15 Stunden
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Seit dem 20. Mai 2026 lagert das deutsche Unternehmen DeepL Teile seiner Datenverarbeitung an Amazon Web Services aus. Der Schritt zeigt exemplarisch, wie abhängig selbst erfolgreiche europäische KI-Anbieter von aussereuropäischer Infrastruktur sind. swissAI fordert deshalb für die Schweiz klare Beschaffungsstandards und den gezielten Aufbau souveräner KI- und Cloud-Infrastrukturen.
swissAI

DeepL gehört zu den bekanntesten europäischen KI-Unternehmen. Der Übersetzungsdienst wurde von vielen Unternehmen und öffentlichen Stellen gerade deshalb genutzt, weil er als leistungsfähige europäische Alternative zu grossen US-Anbietern galt. Nun arbeitet DeepL seit dem 20. Mai 2026 bei der Datenverarbeitung teilweise mit Amazon Web Services (AWS) zusammen. Wenn selbst ein erfolgreicher europäischer KI-Anbieter in der heutigen Weltlage bei Infrastruktur, Skalierung und Verfügbarkeit auf einen amerikanischen Hyperscaler zurückgreift, wird eine problematische strukturelle Abhängigkeit sichtbar.
Mehr als eine Datenschutzfrage
Für die Schweiz geht es dabei um mehr als Datenschutz. Digitale Souveränität ist eine Grundlage der Neutralität. Wer zentrale digitale Infrastruktur nicht mitgestalten, prüfen und im Krisenfall kontrollieren kann, verliert an Handlungsspielraum.
Künstliche Intelligenz wird zunehmend Teil zentraler Prozesse in Verwaltung, Wirtschaft, Forschung, Bildung, Industrie und kritischen Infrastrukturen. Wer KI-Systeme professionell betreiben will, braucht Rechenleistung, stabile Cloud-Dienste, Sicherheit, Verfügbarkeit und Skalierbarkeit und kostengünstige Angebote. Wenn diese Grundlagen vor allem von wenigen internationalen Anbietern bereitgestellt werden, entstehen Abhängigkeiten. Diese betreffen nicht nur Datensicherheit, sondern auch Handlungsfähigkeit, Resilienz, Innovationskraft und wirtschaftliche Souveränität.
Der Staat muss als Ankerkunde handeln
swissAI plädiert dafür, dass der Bund digitale Souveränität in der öffentlichen Beschaffung stärker verankert. Bundesverwaltung, staatsnahe Betriebe und kritische Infrastrukturen sollten bei KI- und Cloud-Lösungen verbindliche Kriterien anwenden. Dazu gehören insbesondere Datenstandort, Jurisdiktion, Transparenz, Auditierbarkeit, Exit-Strategien und Interoperabilität.
Souveräne Schweizer und europäische Lösungen sollen dort bevorzugt werden, wo sie verfügbar, geeignet und wirtschaftlich vertretbar sind. Damit kann die öffentliche Hand nicht nur Risiken reduzieren, sondern auch Nachfrage schaffen. Diese Nachfrage ist entscheidend, damit Schweizer und europäische Anbieter von Rechenzentren, Cloud-Diensten, KI-Modellen und vertrauenswürdigen Anwendungen wachsen und konkurrenzfähig werden können.
Souveränität heisst Wahlfreiheit
Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung. Die Schweiz soll weiterhin international zusammenarbeiten und globale Technologien nutzen. Entscheidend ist aber, dass sie bei zentralen digitalen Grundlagen über echte Wahlfreiheit verfügt. Wer keine Alternativen hat, ist nicht souverän.
Die Schweiz bringt dafür gute Voraussetzungen mit: starke Forschung, innovative Unternehmen, hohe Sicherheitsstandards und eine ausgeprägte Vertrauenskultur. Diese Ausgangslage sollte gezielt genutzt werden, um unabhängige KI- und Cloud-Infrastrukturen in der Schweiz und in Europa zu stärken.
Dialog zwischen Bund, Wirtschaft und Forschung
swissAI fordert einen strukturierten Dialog zwischen Bund, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft. «Digitale Souveränität muss gemeinsam als strategisches Ziel formuliert und über Beschaffungskriterien, Infrastruktur und Kooperation konkret umgesetzt werden. Die Schweiz braucht echte Wahlfreiheit», sagt Chris Beyeler, Präsident von swissAI. Die Schweiz muss jetzt klären, auf welchen digitalen Grundlagen ihre KI-Zukunft aufbauen soll und wie sie sicherstellt, dass zentrale Technologien nicht nur genutzt, sondern auch mitgestaltet werden können.
Einige Schweizer Beispiele:
Flexbase
Flexbase baut in Laufenburg Infrastruktur für Energie, Rechenleistung und KI auf. Das Projekt zeigt, dass in der Schweiz leistungsfähige Infrastruktur für daten- und rechenintensive Anwendungen entstehen kann.
Apertus
Apertus ist ein offenes, transparentes und mehrsprachiges Sprachmodell aus der Schweizer Forschungslandschaft. Es zeigt, wie KI als nachvollziehbare und wiederverwendbare Grundlage für Forschung, Wirtschaft und öffentliche Anwendungen entwickelt werden kann.
Euria
Euria ist eine KI-Plattform von Infomaniak, die in der Schweiz entwickelt und betrieben wird. Sie bietet Unternehmen und Organisationen Zugang zu generativer KI mit besonderem Fokus auf Datenschutz, Kontrolle und europäische Unabhängigkeit. Das Projekt zeigt, dass vertrauenswürdige KI-Anwendungen auch auf Schweizer Infrastruktur entstehen können.










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