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Schuss in den Ofen? Weniger Zolleinnahmen, trotz Senkung der Wertfreigrenze

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • vor 4 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Wer gestern die Bilanz des Bundesamtes für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) für das Jahr 2025 studierte, rieb sich verwundert die Augen. Trotz verstopfter Grenzobergänge und eines gefühlten Ansturms auf das grenznahe Ausland sanken die Bundeseinnahmen leicht auf 23,4 Milliarden Franken. Der Grund für dieses Paradoxon liegt in einem psychologischen und logistischen Katz-und-Maus-Spiel an der Grenze – befeuert durch die Senkung der Wertfreigrenze. Fakt ist: Je grösser die Jagd auf Einkaufstouristen und je tiefer die Wertfreigrenze, desto tiefer die Einnahmen des Bundes.


Symbolbild von unsplash.com
Symbolbild von unsplash.com

Spieltheorie im Familienkombi


Seit dem 1. Januar 2025 gilt die neue Realität: Wer im Ausland shoppt, darf nur noch Waren im Wert von 150 Franken (statt bisher 300 Franken) steuerfrei in die Schweiz einführen. Doch wer glaubte, dass damit die Kassen des Bundes klingeln würden, hat die Rechnung ohne den Erfindungsgeist der Schweizer Einkaufstouristen gemacht.


Die Zahlen des BAZG belegen: Der Einkaufstourismus ist keineswegs zurückgegangen – er hat sich lediglich angepasst. Um die tiefere Freigrenze von 150 Franken zu umgehen, nutzen Herr und Frau Schweizer nun verstärkt das Prinzip der "geteilten Ladung". Man fährt nicht mehr allein, sondern füllt das Auto mit der ganzen Familie oder den Nachbarn. Damit wurden neue Leute, die bisher nicht im Ausland einkauften, "angefixt". Da die Freigrenze pro Person gilt, lässt sich mit vier Insassen weiterhin ein Grosseinkauf von 600 Franken legal und abgabenfrei über die Grenze bringen. Das Resultat: Die Strassen sind voller, aber die Zolleinnahmen sanken im Vergleich zum Vorjahr von 23,7 auf 23,4 Milliarden Franken.


Eine logische Folge ist auch, dass bei Kontrollen die eingekauften Mengen pro Person wesentlich kleiner sind als früher - also gibt es selbst im Falle einer Beanstandung meistens nur kleinere "Treffer". Der Kontrollaufwand für das Personal an den Grenzen ist wegen der tieferen Wertfreigrenze massiv gestiegen, will man nur die gleiche Erfolgsquote erreichen wie vorher. Das bedeutet mehr Einkaufstouristen, kleinere Mengen, kleinere "Treffer" aber massiv höhere Kosten für Kontrollen.

Die Senkung der Wertfreigrenze von 300 auf 150 Franken war auf ganzer Linie ein politischer Rohrkrepierer. Der Einkaufstourismus ist gewachsen, es gehen noch mehr Leute ins Ausland einkaufen, mehr Einnahmen für den Bund brachte die Übung auch keine nennenswerten und der Aufwand für Kontrollen an den Grenzen ist wegen den kleinen Mengen gestiegen.

Online-Boom füllt die Zollregister


Während es an den physischen Grenzen für den Fiskus weniger zu holen gab, respektive der Kontrollaufwand wegen der tieferen Wertfreigrenze massiv gestiegen ist, glühten in den Logistikzentren die Scanner. Im Handelswarenverkehr verzeichnete das BAZG insgesamt 72,8 Millionen Zollanmeldungen. Besonders die Einfuhren für Private schossen auf 61,2 Millionen nach oben. Der Online-Handel mit Einzellieferungen aus Fernost und Europa ist ungebrochen.


Doch dieser Boom hat seine Schattenseiten: Die Zahl der sichergestellten Markenfälschungen explodierte förmlich auf 11'467 Fälle. Wer billig im Netz bestellt, erhält oft illegale Kopien, die beim Zoll direkt im Schredder landen.


QuickZoll: Der ehrliche Klick


Ein Lichtblick für die digitale Verwaltung ist der Erfolg der Verzollungs-App «QuickZoll». Hier zeigt sich, dass die Bevölkerung durchaus bereit ist, Abgaben zu entrichten, wenn der Prozess schmerzfrei ist. Die Anmeldungen über die App haben sich auf fast 192'500 mehr als verdoppelt. Auch die E-Vignette hat sich etabliert: Mit einem Anteil von 45 Prozent (4,9 Millionen Stück) ist der Kleber an der Scheibe ein Auslaufmodell.


Fazit: Sicherheit statt Einnahmen


Das Jahr 2025 markiert einen Wendepunkt. Das BAZG wandelt sich vom reinen "Einnahme-Organ" zum Sicherheitsdienstleister. Während die fiskalische Ausbeute beim Einkaufstourismus stagniert, feiert die Behörde Erfolge bei der Bekämpfung von Schmuggel (1,6 Millionen Zigaretten) und illegalen Substanzen (über 4 Tonnen Marihuana).


Für die Politik bleibt die Frage: War die Senkung der Wertfreigrenze ein Schuss in den Ofen, der nur mehr Verkehr, Aufwand und Kosten, aber nicht mehr Geld brachte? Die Debatte im Parlament dürfte nach diesen Zahlen neu entfachen.

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