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Russlands schwindende Macht: Hat sich Putin im globalen Schachspiel verzockt?

  • Autorenbild: Redaktion soaktuell.ch
    Redaktion soaktuell.ch
  • vor 17 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Der Krieg in der Ukraine bindet Russlands Ressourcen – militärisch, finanziell und personell. Und Russland kommt kaum weiter. Seit vier Jahren sieht die Karte der eroberten Gebiet in etwa gleich aus. Während der Kreml in der Ukraine feststeckt, geraten frühere Verbündete ins Wanken oder wenden sich enttäuscht ab. Doch ist das Vakuum, das entsteht, wirklich eine Spielwiese für den Westen? Eine Versuch der Analyse der neuen Weltunordnung.


Illustration erstellt von KI Gemini.
Illustration erstellt von KI Gemini.

Seit über vier Jahren tobt der Krieg gegen die Ukraine. Was als „Spezialoperation“ von wenigen Tagen geplant war, hat sich zu einem Abnutzungskrieg entwickelt, der Russlands Status als globale Supermacht massiv untergräbt und eher seine Grenzen aufzeigt als seine Effizienz. Die Auswirkungen sind weit über die Grenzen Osteuropas hinaus spürbar.


Der bröckelnde „Hinterhof“ Moskaus


Eigentlich ist es das Ziel Putins, die einstige Grösse der Sowjetunion wieder zu erlangen. Lange Zeit galt Russland auch als die unangefochtene Ordnungsmacht im postsowjetischen Raum. Doch der Ukraine-Krieg bindet dermassen viele militärischen, finanziellen, wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen, dass dieses Bild tiefe Risse bekommen hat. Das deutlichste Beispiel ist Armenien: Jahrelang vertraute das Land auf russischen Militärschutz. Doch als Aserbaidschan im Konflikt um Bergkarabach Tatsachen schuf, blieb Moskau passiv. Die Folge? Armenien friert seine Mitgliedschaft im russisch geführten Militärbündnis (OVKS) ein und sucht heute aktiv die Nähe zu den USA und der EU.


Ähnliches zeigt sich in Zentralasien. Staaten wie Kasachstan, die früher gerne den "Anweisungen" aus dem Kreml folgten, distanzieren sich vorsichtig. Sie halten Sanktionen teilweise ein und empfangen westliche Staatsgäste mit offenen Armen. Sogar auf dem Balkan bröckelt die Front: Das traditionell pro-russische Serbien liefert über Umwege Munition an die Ukraine und orientiert sich wirtschaftlich immer stärker Richtung Brüssel.


Ein Vakuum – aber für wen?


Die These, dass die USA und Europa nun überall „schalten und walten“ können, greift jedoch zu kurz. Denn wo Russland abzieht, entsteht oft kein pro-westliches Paradies, sondern ein neues Spielfeld für andere Akteure.


Die Sahel-Zone (Afrika): In Ländern wie Mali, Burkina Faso oder Niger wurde der Westen (insbesondere Frankreich) faktisch verdrängt. Hier füllt Russland die Lücke ironischerweise trotz des Ukraine-Kriegs – nicht mit regulären Truppen, sondern mit Söldnerstrukturen wie dem „Africa Corps“, die den lokalen Machthabern Überlebensgarantien geben.


Die Achse Moskau-Teheran: Der Iran ist kein „schutzloser Verbündeter“ mehr. Meinte man. Russland braucht iranische Drohnen und Technologie für den Ukraine-Krieg. Teheran agierte selbstbewusster denn je. Doch der aktuelle Krieg gegen den Iran zeigt, von den Russen ist weit und breit nichts zu sehen. Der Iran scheint den Luftschlägen Israels und der USA schutzlos ausgeliefert. Sein oberster Führer wurde in der ersten Nacht ausgeschaltet und nun schlägt das Land wild um sich, jeden Tag ein bisschen weniger.


Taktik oder Verzweiflung?


Ist es insgesamt eine geniale Taktik des Westens, den Preis für die Ukraine so weit in die Höhe zu schrauben, dass Putin im Rest der Welt die Luft ausgeht? Tatsächlich verfolgt der Westen zwei Ziele: Erstens darf Putin in der Ukraine nicht gewinnen und zweitens setzt der Westen darauf, dass Russland langfristig finanziell, technologisch und ökonomisch so weit zurückfällt, dass es als globaler Akteur irrelevant wird. Im Moment sieht es schlecht aus für Russland, weil Putin keine Sekunde daran denkt, sich aus der Ukraine zurück zu ziehen. Das finanzielle und militärische Engagement des Westens in der Ukraine scheint sich je länger je mehr doppelt zu lohnen. Auch für die ukrainische Bevölkerung lohnt sich der erbitterte Widerstand. Das wird klar, je länger der Krieg dauert.


Doch Vorsicht: Putin setzt auf den „langen Atem“. Er wettet darauf, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine bei kommenden Wahlen wegbricht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Er täuscht sich einmal mehr in seiner Einschätzung. Verlieren die Republikaner in den USA nämlich die Wahlen in diesem Jahr, könnte der Zuspruch aus den USA für die Ukraine wieder zunehmen. Ganz sicher wird er wieder zunehmen, sollte es zu einem Wechsel der Präsidentschaft hin zu den Demokraten kommen. Auf Zeit spielen schadet im Moment nur Russland selber.


Währenddessen treibt Putin die Abhängigkeit von China voran. Peking ist der eigentliche „lachende Dritte“, wie so oft: Es erhält billige Energie aus Russland und erweitert seinen Einfluss in Zentralasien, ohne selbst einen Schuss abzugeben. Aber China muss aufpassen. Es weiss genau, dass es in Zeiten sich verändernder Handelsströme zu einem grossen und reichen Wirtschaftspartner, insbesondere der Europäer, werden könnte. Stellt es sich zu sehr auf die Seite des sinkenden Schiffes Russland, macht es sich für Europa auf lange Sicht unmöglich. Und das wäre schade in einer Zeit, in der chinesische Technik gerade so richtig Fahrt aufnimmt im Westen.


Eine neue, unübersichtliche Welt


Russland spielt tatsächlich eine schwindende Rolle in klassischen Diplomatie-Kreisen, doch als „Störenfried“ bleibt Moskau gefährlich. Aber als "Störenfried" verdient man weder Geld noch Glaubwürdigkeit. Das Vakuum in Venezuela, Syrien oder Kuba wird nicht automatisch durch westliche Werte gefüllt. Wir erleben keine Rückkehr zur unipolaren Welt der USA, sondern den chaotischen Übergang in eine multipolare Weltordnung, in der Allianzen flüchtiger sind als je zuvor.


Für Europa bedeutet das: Russlands internationale Schwäche ist eine Chance, aber keine Garantie für Stabilität. Die russische Schwäche öffnet neue Türen für den Westen. Aber man muss ja nicht zwingend in jedes Haus eintreten, nur weil die Türen zunehmend offen stehen.

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