Leere Regale, stille Gänge: Das schleichende Sterben der Schweizer Shoppingcenter?
- Redaktion soaktuell.ch
- vor 6 Minuten
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Das Shoppi Schönbühl in Luzern kämpft mit Leerständen, und landesweit ziehen sich grosse Namen aus den Einkaufstempeln zurück. Was früher als Erfolgsgarant galt, steckt 2026 in einer tiefen Identitätskrise. Ein Blick auf eine Branche im Umbruch.

Wo im Luzerner Schönbühl Center über Jahrzehnte hinweg das Reformhaus Müller eine Institution war oder Dosenbach die Massen anzog, klaffen heute Lücken. Zwar konnten mit Otto’s oder spezialisierten Outlets teils prominente Nachfolger gefunden werden, doch das Grundrauschen in den Gängen ist leiser geworden. Das Luzerner Schönbühl, das 1967 als erstes Einkaufszentrum der Schweiz Geschichte schrieb, kämpft heute exemplarisch gegen den Relevanzverlust.
Wenn die Anker lichten
Das Phänomen beschränkt sich längst nicht auf Luzern. In der gesamten Schweiz – von der Mall of Switzerland in Ebikon bis zum Gäupark in Egerkingen – ist ein "Lädeli-Sterben" im grossen Stil zu beobachten oder mindestens immer häufigere Mieterwechsel. Besonders schmerzhaft ist der Rückzug der sogenannten Ankermieter.
Früher galt: Wenn Migros, Coop oder Manor im Haus sind, kommen die Leute. Doch heute reduzieren selbst diese Giganten ihre Flächen oder ziehen sich aus unrentablen Centern zurück. Moderiesen wie H&M, Esprit oder Zara überdenken ihre Standortstrategien radikal. Anstatt in jedem mittelgrossen Center präsent zu sein, konzentrieren sie sich auf Flagship-Stores in den grossen Innenstädten von Zürich, Genf oder Bern – der Rest wird über das Smartphone abgewickelt.
Die drei Hauptgründe für die leeren Nischen in Einkaufszentren
Die "Amazonisierung" des Alltags: 2026 ist das Paket vor der Haustür zur Normalität geworden. Besonders Branchen wie Elektronik (Interdiscount, Melectronics) oder Spielwaren (Franz Carl Weber) haben es schwer, gegen die Online-Preise und die grenzenlose Auswahl von Digitec, Brack oder Amazon anzukommen.
Die Kostenfalle: Es kommen nicht bloss weniger Laufkundschaft in die Läden der Einkaufscenter, auf der anderen Seite siegen in den letzten 10 Jahren auch die Kosten für die Shops ungemein. Hohe Nebenkosten für Klimatisierung, Beleuchtung, Marketing und Reinigung der riesigen Malls werden auf die Mieter umgelegt - und dies neben den ohnehin schon teuren Mieten für die Flächen. Für kleinere Boutiquen oder lokale Anbieter sind die Quadratmeterpreise in den Centern oft nicht mehr tragbar, während die Kundenfrequenz gleichzeitig sinkt.
Verlust des Erlebnisfaktors: Viele Schweizer Center wirken architektonisch wie aus der Zeit gefallen. Die grauen Betonfassaden der 70er und 80er Jahre strahlen wenig Aufenthaltsqualität aus. In einer Zeit, in der Konsumenten "Erlebnisse" suchen, wirkt das reine Aneinanderreihen von Regalen oft lieblos.
Regionale Ausstrahlungen: Der Blick nach Solothurn und Aargau
Auch im Einzugsgebiet von soaktuell.ch ist der Druck spürbar. Zentren wie der Gäupark Egerkingen oder das Telli in Aarau investieren Millionen in Sanierungen oder Ausbau, um den Abwärtstrend zu stoppen. Sie versuchen, das zu werden, was Experten "Third Places" nennen: Orte, an denen man nicht nur kauft, sondern lebt.
Das bedeutet konkret: Wo früher Kleiderstangen standen, finden sich heute Zahnarztpraxen, Fitnesscenter wie Kieser oder Migros Fitness, und grosszügige Food-Courts mit regionalen Spezialitäten statt nur Fast-Food-Ketten. Das Ziel: Die Menschen müssen einen Grund haben, das Haus zu verlassen, den der Online-Handel nicht bieten kann – menschliche Interaktion und physische Dienstleistungen. Mit solchen Konzepten lassen sich tatsächlich viel mehr Menschen in Einkaufszentren locken. Ob sie dann aber auch wirklich konsumieren oder nur den regnerischen Samstag dort verbringen, ist eine andere Frage. Und eigentlich ist es ja genau das, warum die Menschen in der überfüllten Schweiz heute ins anonyme Online-Shopping flüchten - sie meiden das "Gschtungg".
Die Einkaufscenter in Egerkingen oder Oftringen haben ein grosses Plus: Sie haben verkehrstechnisch die beste Lage aller Einkaufszentren in der Schweiz. Das merkt man auch. Und im Gäupark Egerkingen ist das Parkieren noch gratis. Damit ist ihre Zukunft nicht unmittelbar gefährdet. Aber es wird auch in diesem Gebiet wohl Veränderungen geben.
Fazit: Das Ende der Monokultur
Das Sterben der Läden im Luzerner Schönbühl und anderen Schweizer Malls ist kein Ende des Handels an sich, sondern das Ende einer Ära. Die Monokultur des "Nur-Verkaufens" funktioniert nicht mehr. Die Center der Zukunft werden gemischte Quartierszentren sein, in denen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen verschmelzen. Für die Shoppingcenter bedeutet das, sie müssen sich neu erfinden, oder sie werden als historische Relikte in die Geschichte eingehen.
