Jahrelang wurden politische Bedenken wegen der wachsenden Kriminalität negiert
- Redaktion soaktuell.ch

- vor 21 Minuten
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Einbrüche, Cybercrime und eine zunehmende Verdichtung im öffentlichen Raum: In der ganzen Schweiz schlagen die Polizeikorps Alarm. Es fehlen Tausende Beamte. Besonders angespannt ist die Lage in unserer Region: Der Aargau hat die landesweit tiefste Polizeidichte. Der Kanton Solothurn will sein Korps bis 2035 um 100 Stellen aufstocken. Eine soaktuell.ch-Hintergrundanalyse zeigt, warum der Personalbedarf in den letzten Jahren derart explodiert ist.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Kanton Solothurn kommt heute nur ein Polizist auf 642 Einwohner. Damit liegt der Kanton weit unter dem Schweizer Durchschnitt von einem Polizisten auf 476 Einwohner. Die Solothurner SP-Sicherheitsdirektorin Susanne Schaffner (63) hat kürzlich zusammen mit der Spitze der Kantonspolizei einen Bericht präsentiert: Bis 2035 soll das Polizeikorps um 100 zusätzliche Polizistinnen und Polizisten wachsen. In Solothurn, dessen Kantonshauptstadt statistisch zum kriminellsten Bezirk der Schweiz gehört, scheint der Handlungsbedarf unbestritten.
Mit 718 Einwohnern pro Polizist verzeichnet der Kanton Aargau landesweit die geringste Polizeidichte. Zwar soll das Korps bis 2028 um rund 100 Stellen wachsen, doch die Realität bremst die Ambitionen: Bei der Kantonspolizei und den 15 Aargauer Regionalpolizeien waren zuletzt rund 50 Stellen unbesetzt.
Warum die Polizei mehr Leute braucht
Die Forderungen nach mehr Polizei – sei es in Solothurn, im Aargau, in St. Gallen oder in Bern – werfen eine zentrale Frage auf: Was ist der Grund für diesen massiven, schweizweiten Mehrbedarf? Kriminologen und Sicherheitsexperten verweisen auf ein komplexes Zusammenspiel aus neuen Kriminalitätsformen, gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichem Wandel:
1. Explosion der digitalen Delikte
Die Kriminalität hat sich ins Netz verlagert. Betrugsdelikte, Phishing, Ransomware-Attacken und digitale Erpressung haben drastisch zugenommen. Bei fast jedem klassischen Delikt – vom Drogendeal bis zum Gewaltdelikt – müssen heute zudem Smartphones, Computer oder Cloud-Daten ausgewertet werden. Die digitale Forensik ist extrem aufwendig. Das Extrahieren und Analysieren von Terabytes an Daten bindet hochqualifizierte Spezialisten oft über Wochen, wo früher eine kurze Hausdurchsuchung und Befragung reichten.
2. Die Bürokratisierungs-Falle
Ein weiterer massiver Treiber für den Personalbedarf ist die Administration. Durch bundesrechtliche Verschärfungen in der Strafprozessordnung (StPO) und strenge Vorgaben zur Wahrung der Verfahrensrechte hat sich der Schreibaufwand pro Einsatz vervielfacht. Vorgaben wie der «Anwalt der ersten Stunde» oder extrem detaillierte Einvernahmeprotokolle und Dokumentationspflichten führen dazu, dass Polizisten heute einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit am Schreibtisch statt auf der Strasse verbringen. Zudem werden polizeiliche Massnahmen heute viel häufiger juristisch angefochten, was eine lückenlose Aktenführung unabdingbar macht.
3. Bevölkerungswachstum
Die Schweiz wächst, und mit ihr der Druck auf den öffentlichen Raum. Mehr Menschen auf engem Raum bedeuten statistisch unweigerlich mehr Verkehrsunfälle, Lärmklagen, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Notrufe. Hinzu kommt die als "Nordafrikaner-Delinquenz" bekannte Welle an Einschleichdiebstählen und Autotüren "Fälleler", welche die Bürgerinnen und Bürger auch auf dem Land trifft und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung radikal verschlechtert.
4. Event-Kultur
Hinzu kommt eine immer intensivere Event-Kultur. Demonstrationen, politische Kundgebungen, grosse Festivals sowie Sportveranstaltungen – insbesondere Risikospiele im Fussball und Eishockey – erfordern jedes Wochenende Hundertschaften an Einsatzkräften. Diese Ressourcen fehlen dann bei der sichtbaren Quartierpatrouille oder der Prävention vor Ort. Selbst bei Dorf-Chilbis oder Gewerbeausstellungen sind mittlerweile Konzepte und Massnahmen für die Verhinderung von Terror-Anschlägen nötig, etwa mit Fahrzeugsperren durch Betonblöcke oder zivilen Polizisten im Publikum.
5. Neue Spezialaufgaben
Der gesetzliche Auftrag der Polizei ist breiter geworden. Neue Bedrohungen erfordern ein systematisches Bedrohungsmanagement, etwa bei häuslicher Gewalt, Stalking oder Radikalisierung. Solche Fälle bedingen eine langfristige, präventive und ressourcenintensive Begleitung. Auch technologische Herausforderungen wie die Drohnenabwehr oder der Schutz kritischer Infrastrukturen verlangen nach dedizierten Fachabteilungen, die Personal aus dem ordentlichen Dienst abziehen.
6. Demografie und neue Arbeitsmodelle
Schliesslich kämpft die Polizei mit denselben Herausforderungen wie die freie Wirtschaft. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Pension, was eine grosse Ersatzwelle auslöst. Gleichzeitig steigt auch bei Polizeibeamten der berechtigte Wunsch nach Teilzeitarbeit und einer besseren Work-Life-Balance. Um in einem 24/7-Schichtbetrieb alle Dienste lückenlos abzudecken, braucht es heute deutlich mehr Köpfe für dieselbe Anzahl an Vollzeitstellen. Die bestehende Unterbesetzung führt in vielen Korps zu immensen Überstundenbergen, was wiederum das Risiko für Krankheitsausfälle oder Kündigungen erhöht – ein Teufelskreis.
Verzweifelte Massnahmen in den Kantonen
Um diesen personellen Notstand zu lindern, greifen erste Kantone bereits zu unkonventionellen Massnahmen. Der Kanton Basel-Stadt, der trotz verhältnismässig hoher Polizeidichte unter Personalmangel leidet, rekrutiert inzwischen erstmals im Ausland. Im Herbst beginnen deutsche Bewerber ihre Ausbildung im Grenzkanton – lediglich ausgestattet mit einer B-Bewilligung.
Ob Solothurn oder der Aargau dereinst ähnliche Wege gehen müssen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Politik kann auf dem Papier Hunderte neue Stellen bewilligen. Doch solange die Rahmenbedingungen und die Belastung nicht optimiert werden und der Arbeitsmarkt ausgetrocknet bleibt, ist die Rekrutierung eine Herkulesaufgabe. Die Sicherheit der Bevölkerung, so mahnt der Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) regelmässig, dürfe nicht weiter auf dem Spiel stehen.
Verantwortliche in der Politik haben zu lange zugeschaut
Die wachsende Kriminalität ist nicht über Nacht gekommen. Sie hat sich über Jahrzehnte aufgebaut und wurde politisch von der SVP in den Kantonsparlamenten auch immer angemahnt. Man hat die Warnrufe aber aus politischen Gründen zu lange negiert. Wenn man ein Problem nicht beim Namen nennt und aus dem Ruder laufen lässt, wird es irgendwann sehr teuer und zwar nicht nur finanziell. Im Kanton Solothurn hat man die wachsende Kriminalität so lange schöngeredet, bis die Kantonshauptstadt zur kriminellsten Stadt und der Kanton Solothurn zu einem der fünf kriminellsten Kantone der Schweiz verkommen war. Bei den Einbruchs- und Einschleichdiebstählen liegt der Kanton Solothurn sogar auf Platz 2 in der Schweiz. Grund: Kriminelle wissen, dass die Chance im Kanton Solothurn gefasst zu werden sehr gering ist. Insgesamt also ein hoher Preis, den die solothurnische Bevölkerung für das jahrelange Wegschauen der Mehrheit in Kantonsparlament und Regierung bezahlen muss.
Wie bei den jüngsten Skandalen der Solothurner Spitäler AG hat man auch bei der Kriminalitätsentwicklung im Kanton Solothurn definitiv zu lange zugeschaut.
Foto: Archivbild der Kapo SO












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