Grosser Abstimmungssonntag: Warum die Jugend ihre eigene Zukunft "verschläft"
- Redaktion soaktuell.ch
- vor 3 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Die Schweiz ist stolz auf ihre direkte Demokratie. Viermal im Jahr dürfen wir über die Leitplanken unseres Zusammenlebens entscheiden. Doch schaut man sich die nackten Zahlen der Stimmbeteiligung an, offenbart sich ein demokratisches Paradoxon: In den sozialen Medien ist die junge Generation so laut, engagiert und präsent wie nie zuvor. Geht es jedoch darum, Stimmzettel auszufüllen und in den Briefkasten zu werfen, herrscht oft Funkstille. Auch heute wieder. Ist das alles nur "warme Luft"?

Grosse Klappe in sozialen Medien aber am Abstimmungssonntag nicht abstimmen gehen. Das passt nicht zusammen - ist aber die Realität bei der grossen Mehrheit junger Leute in der Schweiz. Bevor jetzt eine Diskussion darüber losgeht, dass nicht alle jungen Leute gleich seien und es doch immer mehr davon gibt, die durchaus eine eigene politische Meinung haben, stellen wir fest: Es ist falsch und unbedeutend. Der Anteil effektiv abstimmender junger Menschen ist seit Jahren immer etwa gleich tief. Eine politische Meinung haben ist nichts wert, wenn man am Schluss zu bequem ist, das Abstimmungscouvert abzuschicken. Es gibt sicher löbliche Ausnahmen, aber am Schluss geht es um Mehrheiten.
Lieber mehr Stimmen als "Shiten"
Wem dieser Artikel hier und die ungeschminkte Kritik sauer aufstösst und jetzt gleich einen Shitstorm gegen soaktuell.ch starten will, soll sich rasch überlegen, ob nicht genau das das Problem ist: Lieber mehr Stimmen als "Shiten". Wir sind gespannt, wie unsere Kritiker diesen Artikel wieder schönreden.
Digitale Lautstärke, analoge Stille
Ein Like für das Klima, ein kurzer Kommentar gegen Diskriminierung oder gegen die SRG, die man im Streaming-Zeitalter angeblich gar nicht mehr braucht, das Teilen eines viralen Videos für die Individualbesteuerung – der digitale Aktivismus der 18- bis 25-Jährigen suggeriert eine hochpolitisierte Generation. Doch das alles ist keine Politik. Es ist Fake. Das sind Schnellschüsse aus einer Laune und emotionalen Stimmung heraus. Vor allem, wenn man am Abstimmungssonntag bis am Mittag im Bett liegt und dann feststellt, dass man das Abstimmungscouvert einmal mehr weder ausgefüllt noch abgeschickt hat.
Die Statistik ist hart, aber ehrlich
Doch Demokratie findet in der Schweiz nicht auf Instagram oder TikTok statt, sondern an der Urne. Alles andere ist Bullshit. Die Realität ist ernüchternd: Während bei nationalen Abstimmungen die über 65-Jährigen oft zu 60 Prozent oder mehr teilnehmen, mobilisiert sich bei den Jungen meist nur rund 30 Prozent - mit viel Glück. Dass überhaupt ein Drittel an die Urne geht, ist löblich.
Das Problem dabei: Wer nicht abstimmt, lässt andere über sein Leben entscheiden. Ob es um die Finanzierung der Renten, den Ausbau der Infrastruktur oder den Umweltschutz geht – die Weichen, die heute gestellt werden, betreffen die heute 20-Jährigen noch über Jahrzehnte. Die Senioren hingegen stimmen über eine Welt ab, in der sie statistisch gesehen deutlich weniger Zeit verbringen werden.
Die "Event-Demokratie" greift zu kurz
Oft wird argumentiert, die Vorlagen seien zu komplex oder die Sprache der Abstimmungsbüchlein zu trocken. Doch das ist eine schwache Ausrede. Wer in der Lage ist, komplexe Videogames zu meistern, englische Bedienungsanleitungen neuer Apps zu verstehen oder sich durch die Tiefen globaler Internet-Trends zu manövrieren, der kann auch drei Sätze zu einer kantonalen Vorlage lesen. Das sind alles nur Ausreden.
Es scheint vielmehr eine Art "Event-Demokratie" Einzug gehalten zu haben: Man empört sich lautstark über Missstände, vergisst dann aber das Handwerkszeug der Veränderung. Ein Like verändert kein einziges Gesetz auf der Welt. Ein wütendes Emoji stoppt keinen Bauprozess. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass digitale Präsenz politische Macht bedeutet. Wahre Macht wird in der Schweiz immer noch mit Tinte auf Papier ausgeübt.
Fazit: Aufwachen statt Scrollen und Klicken
Es reicht nicht, politisch "wach" (woke) zu sein, wenn man am Abstimmungssonntag den Wecker verschläft oder den Briefumschlag ungeöffnet im Altpapier landen lässt. Wer laut sein und mitgestalten will, muss zuerst einmal konsequent sein. Wer mitgestalten will, muss das Privileg der direkten Demokratie nutzen, statt es verstauben zu lassen.
Die Botschaft an die junge Generation muss klar sein: Eure Meinung zählt erst dann wirklich, wenn sie gezählt werden kann. Ein Kommentar ist schnell getippt, aber erst der Gang zur Urne ist echte politische Arbeit. Es ist Zeit, die Kopfhörer abzunehmen, das Smartphone wegzulegen und Verantwortung zu übernehmen.
Denn wer nicht abstimmt, hat am Ende auch kein Recht, sich über das Ergebnis zu beschweren.
Das Paradebeispiel: Die SRG-Halbierung
Nirgendwo zeigt sich die Kluft zwischen digitalem Getöse und realer Mitbestimmung so deutlich wie bei der aktuellen Diskussion um die Halbierungsinitiative. Hier geht es ans Eingemachte: Werden wir in Zukunft noch ein breites, mehrsprachiges Medienangebot haben, oder kappen wir die Mittel radikal?
Es geht nicht nur um "lineares Fernsehen für Grosseltern". Es geht darum, wer in Zeiten von Fake News und KI-generierten Inhalten für verlässliche Informationen sorgt – und zwar dort, wo sich die Jungen aufhalten: im Netz und auf Social Media. Wer online lautstark über "Staatsmedien" schimpft oder umgekehrt die Bedeutung des Service Public für die Demokratie betont, aber am Abstimmungssonntag das Abstimmungscouvert ungeöffnet liegen lässt, betreibt politischen Leerlauf. Während die ältere Generation diszipliniert darüber entscheidet, wie die künftige Medienlandschaft ihrer Enkel auszusehen hat, riskieren die Betroffenen selbst, zur statistischen Randnotiz zu werden. Bei einer Vorlage, die das Informationsmonopol und die digitale Zukunft der Schweiz so direkt tangiert, ist "Desinteresse" keine Haltung, sondern eine Selbstentmachtung.
Insofern ist es einfach, den Ausgang dieser Abstimmung über die Halbierungsinitiative vorauszusagen. Sie wird abgelehnt und zwar von der ländlichen eher älteren Bevölkerung. Die Kampagnengelder, die aufgewendet wurden, um junge Menschen an die Urne zu bewegen, hätte man einmal mehr gleich aus dem Fenster werfen können.
