Wenn der „Elefant“ die Weltordnung zertrampelt: Wo bleibt Europas Antwort?
- Redaktion soaktuell.ch

- vor 38 Minuten
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Von der Grönland-Erpressung bis zu den 25-Prozent-Zöllen auf Autos: Donald Trumps zweite Amtszeit hat sich im Mai 2026 zu einem permanenten Frontalangriff auf Europa entwickelt. Während Brüssel bisher besonnen reagiert hat, bekam Trump die wachsende Ablehnung europäischer Ländern langsam zu spüren. Man nimmt ihn nicht mehr ernst und wendet sich schrittweise von den USA ab. Während auch die EU die „Handels-Bazooka“ lädt, stellt sich für die Schweiz die Frage: Können wir uns in diesem wirtschaftlichen Stellungskrieg noch neutral verhalten?

Es ist ein Déjà-vu, aber mit deutlich schärferen Kanten. Was 2018 wie ein polternder Auftakt begann, ist im Frühjahr 2026 bittere Realität geworden. Donald Trump attackiert Europa am laufenden Band. Der jüngste Bruch des „Turnberry-Deals“ und die Erhöhung der US-Zölle auf europäische Fahrzeuge auf 25 Prozent markieren den vorläufigen Tiefpunkt. Doch es geht längst nicht mehr nur um Autos oder Stahl.
Erpressung als Staatsräson
Ob die unverhohlene Drohung, den NATO-Schutzwall einzureissen, wenn Europa nicht mehr „Miete“ zahlt, oder der absurde, aber wirtschaftlich gefährliche Druck auf Dänemark wegen Grönland: Die USA unter Trump nutzen ihre Macht 2026 als reine Erpressungswährung. Dass Washington die Ukraine-Unterstützung faktisch eingestellt hat, zwingt Europa zudem in eine finanzielle Doppelbelastung: Aufrüstung und Handelskrieg gleichzeitig. Fakt ist, seit die USA im Ukraine-Krieg eine immer kleinere Rolle spielen, kommen die Russen an der Front unter Druck.
Die EU schlägt zurück: Die „Mirroring Strategy“
In Brüssel ist die Zeit der diplomatischen Note vorbei. Das „Anti-Coercion Instrument“ (ACI) der EU wird scharfgestellt. Die Strategie ist simpel, aber schmerzhaft: Spiegelung. Für jeden Dollar an US-Strafzöllen werden US-Güter in gleicher Höhe belegt. Auf der Zielliste stehen nicht mehr nur Bourbon und Harley-Davidsons, sondern gezielt Hightech-Komponenten und Agrarprodukte aus jenen US-Bundesstaaten, die für Trump bei den kommenden Midterms im November entscheidend sind. Auch eine Umschichtung der Energiebestellungen weg von US-Flüssiggas (LNG) wird diskutiert – ein riskantes Manöver angesichts der Blockaden an der Strasse von Hormuz durch den Iran-Konflikt.
Die Schweiz im Fadenkreuz: Das Solothurner und Aargauer Dilemma
Für die Schweiz, und speziell für den Wirtschaftsstandort Espace Mittelland, ist diese Eskalation brandgefährlich. Die Solothurner und Aargauer Präzisionsindustrie, von der Medizinaltechnik bis zum Maschinenbau sowie Pharma, ist eigentlich auf offene Märkte angewiesen. Doch die gibt es halt nicht mehr. Man muss der neuen Realität ins Auge schauen. Arschkriecherei und verzweifeltes Festhalten an Zöpfen, die längst abgeschnitten sind, sind keine Strategie.
Wenn die EU und die USA aufeinander einschlagen, gerät die Schweiz zwischen die Fronten. Einerseits droht der Verlust des US-Marktes durch protektionistische Hürden, andererseits könnte die EU von Bern „Solidarität“ einfordern. Sollte die Schweiz die EU-Sanktionen gegen US-Waren nicht mitragen, riskieren wir, als „Hintertür“ für US-Produkte abgestempelt zu werden – mit fatalen Folgen für den Marktzugang in Deutschland oder Frankreich.
Exportstopp als letzte Waffe?
In der EU-Politik werden die Stimmen lauter, die einen befristeten Exportstopp für kritische Güter in die USA fordern – zumindest bis zum Ende der Amtszeit Trumps. Das Ziel: Die US-Industrie so hart bei den Vorprodukten zu treffen, dass der Widerstand der amerikanischen Wirtschaft Trump zum Einlenken zwingt. Doch dieser „wirtschaftliche Selbstmord mit Ansage“ würde auch in der Schweiz tausende Arbeitsplätze gefährden. Wesentlich klüger wäre die Verhängung von Gegenzöllen in der automatisch immer gleichen Höhe, wie sie die USA verhängt. Und: Klüger ist es auch, sich überall von den USA loszusagen, wo man das machen kann. Leise und schrittweise. Aber man sollte es endlich tun.
Waffen aus der Ukraine kaufen
Anstatt überteuerte Waffen aus den USA zu kaufen und sich zum Spielball von Trumps Lieferfristen und Aufpreisen zu machen, bietet sich die Ukraine in Europa als zuverlässige neue Waffenlieferantin an. Gerade im Bereich der Drohnen und Roboter hat die Ukraine heute einen weltweit einzigartigen Status erreicht und eine Waffenproduktion sowie Erfahrungen, die sich sehen lassen können. Hinter den Kulissen laufen mehr als nur Verhandlungen vieler europäischer Staaten mit der Ukraine über Waffenkäufe - und damit finanzieller Unterstützung des Krieges gegen Russland. Offenbar mit Erfolg, wie der Verlauf des Krieges in den letzten Monaten zeigt. Man kann so faktisch drei Fliegen mit einer Klappe schlagen:
Aufrüstung der europäischen Länder im Bereich Drohnen und Roboter
Weg von amerikanischen Waffen und von Trump. USA spielt keine Rolle mehr.
Finanzielle Unterstützung der Ukraine für die Verteidigung gegen Russland.
Das Ende der Naivität
Der Mai 2026 zeigt: Ein „Weiter wie bisher“ gibt es nicht. Deals mit Trump sind einfach nicht möglich, er erpresst immer wieder, wenn er was will. Er checkt nicht, dass kein europäisches Land ihn bei seinem Hormus-Feldzug unterstützt hat, weil er Strafzölle gegen die Europäer erhebt hat oder ihnen Grönland abspenstig machen wollte. Auch Europäer haben ihren Stolz. Und den hat Trump mehrfach mit Füssen getreten. Das Fass ist nun voll. Was jetzt kommt sind Gegenmassnahmen. Aufhören mit Verhandeln, Reden und Arschkriechen, sondern Nägel mit Köpfen machen.
Europa muss die strategische Autonomie nicht nur beschwören, sondern leben. Für die Schweiz bedeutet dies, dass die alte Formel der Neutralität im Wirtschaftskrieg 2.0 nicht mehr funktioniert. Neutralität ist gut im Krieg, aber nicht bei wirtschaftlichen Erpressungen. Wenn der wichtigste Sicherheitspartner (USA) zum wirtschaftlichen Aggressor wird, muss sich auch Bern fragen, wie viel „Stachel“ es noch braucht, bis man sich entschlossen an die Seite der europäischen Nachbarn stellt. Das mag im Moment Geld kosten, doch mittelfristig wird die Loslösung von den USA nur positiv sein für die Schweiz und Europa. Denn ein Miteinander gibt es nicht mehr.
Der kommende Sommer wird heiss – und das liegt nicht nur am Klima, sondern an der Glut in den Handelsbeziehungen, die Trump täglich weiter schürt.








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