Digitale Souveränität: Wenn Trump den Stecker zieht
- Redaktion soaktuell.ch

- vor 9 Stunden
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Unser Bundesrat ist lieb und nett zu Trump und verhandelt. Doch nie bereitet er sich auf Gegenmassnahmen vor. Auch jetzt nicht. Alle in Bundesbern gehen scheinbar davon aus, dass die Schweiz bis März einen Zoll-Deal mit 15% bekommt. Das ist unerträglich unprofessionell. Wir alle wissen mittlerweile, dass es nicht so einfach sein wird und wir von Washington noch abermals über den Tisch gezogen werden. Bitte bereitet euch in Bundesbern jetzt auf das Szenario "No Deal" vor. Es muss ein Hammerschlag von Gegenmassnahmen der Schweiz folgen. Aber auch in anderen Bereichen muss sich die Schweiz jetzt rasch von den USA abkapseln, etwa bei Software, Betriebssystemen, Kreditkarten, Cloud-Lösungen usw. Wenn wir uns nicht vorbereiten, bleiben wir ewig erpressbar.

Zollhammer, Grönland-Fantasien und der schleichende Rückzug aus der NATO: Die US-Politik unter Donald Trump folgt einer radikalen „America First“-Doktrin. Während die diplomatischen Schockwellen die Schweiz erreichen, wird ein weitaus gefährlicheres Szenario unterschätzt. Es ist nicht mehr die Frage, ob Washington seine technologische Dominanz als Druckmittel gegen Europa und die Schweiz einsetzen wird, sondern wann. Und was tut Bundesbern dagegen? Nichts. Man wartet ab und will nicht über Dinge nachdenken, die ja kein Thema sind. Der grösste Fehler, den die Schweiz andauernd wieder macht. Wir sind träge Gutmenschen geworden und bekommen von der Lebensrealität laufend auf die Fresse. Sei es bei der völlig unvorbereiteten Landesverteidigung über die Zölle bis hin zu dem, was noch kommen wird, nämlich die "unsichtbaren Fesseln des Alltags".
Unsere Abhängigkeit von US-Infrastruktur ist nahezu total. Ob im Zahlungsverkehr via Visa und Mastercard, in der Verwaltung durch Microsoft-Software oder in der Hosentasche mit iOS und Android: Die Schweiz funktioniert digital auf amerikanischem Boden. Sollte Bern politische Entscheidungen treffen, die Washington missfallen, könnten Sanktionen uns über Nacht handlungsunfähig machen. Ein „Digital Embargo“ würde den Alltag zum Erliegen bringen – kein Bezahlen im Supermarkt, kein Zugriff auf Cloud-Daten, keine Updates für Firmen-PCs. Und Bundesbern bereitet sich und das Schweizer Volk nicht darauf vor.
TWINT als Vorbild für Unabhängigkeit
Dass wir nicht schutzlos ausgeliefert sein müssen, zeigt das Beispiel TWINT. Während der Rest der Welt fast ausschliesslich über US-Giganten wie Apple Pay oder Kreditkarten-Netzwerke bezahlt, hat die Schweiz mit TWINT ein eigenes, nationales Ökosystem etabliert. Es beweist: Wir können technologische Lösungen schaffen, die funktionieren und die Akzeptanz der Bevölkerung finden. TWINT ist heute mehr als eine Bezahl-App; es ist ein Stück digitale Selbstverteidigung. TWINT ist heute strategisch wichtig und darf auf keinen Fall an ein ausländisches Unternehmen verkauft werden.
Cloud-Migration: Die Daten nach Hause holen
Der nächste logische Schritt muss die Cloud-Infrastruktur sein. Die Verlagerung von Daten von US-Plattformen auf schweizerische Anbieter wie Infomaniak, Exoscale oder Cloudscale und Swisscom ist heute technisch machbar. Diese Anbieter unterstehen hiesigem Recht und sind vor dem Zugriff fremder Dienste geschützt. Wer Souveränität will, muss seine Daten „nach Hause“ holen – weg von den Hyperscalern aus Übersee. Private und KMU sollten schon mal anfangen, ihre Daten bei Schweizer Anbietern zu hosten und die Software Microsoft durch Alternativen zu ersetzen. Und die gibt es.
Befreiung vom Microsoft-Diktat
Auch bei der Software gibt es längst ernsthafte Alternativen. Statt sich dem Abo-Zwang und der Datenabsaugung von Microsoft 365 zu beugen, setzen immer mehr Organisationen auf Open-Source-Lösungen wie Nextcloud für die Zusammenarbeit oder LibreOffice und OnlyOffice für die Dokumentbearbeitung. Diese Tools sind heute reif für den Unternehmenseinsatz. In Kombination mit Schweizer Hosting-Anbietern wie Infomaniak oder Exoscale ermöglichen sie eine IT-Infrastruktur, die zu 100 % unter Schweizer Recht steht – sicher vor dem Zugriff durch den US „Cloud Act“.
Europa muss erwachen
Doch die Schweiz kann das Rad nicht allein neu erfinden. Für Alternativen zu Smartphone-Betriebssystemen braucht es eine europäische Kraftanstrengung. Wir müssen Allianzen schmieden, um eigene digitale Ökosysteme zu fördern. Auch mit China. Solange Trump die digitalen Angebote laufen lässt, ist alles okay. Wenn er über Nacht abschaltet, können wir froh sein, wenn beispielsweise ein chinesisches Smartphone-Betriebssystem noch funktioniert. Auch KI Chips sollte man mit China zusammen entwickeln. Denn China wird immer das Gegenteil von dem tun, was die USA machen.
Wir müssen mit verschiedenen Grossmächten zusammen arbeiten, um sicher zu gehen, dass wir immer mindestens eine funktionierende Lösung haben.
Respektlosigkeiten gegenüber der Schweiz im Sinne von "Ohne die USA gäbe es die Schweiz gar nicht" sind nicht nur schmerzhaft und falsch, es sind Mahnfinger. Trump wird ohne mit der Wimper zu zucken alle Mittel einsetzen, um via Erpressung zu seinem Ziel zu kommen. Apropos Schweizer Geschichte:
Wer hat's erfunden?
Ab 1500 n.Chr. besiedelten Engländer, Iren, Niederländer, Franzosen, Deutsche und Schweizer das Gebiet der heutigen USA. Rund 460'000 Schweizerinnen und Schweizer sind nach Nordamerika übersiedelt und haben ihr Know-How mitgebracht. Gegründet wurden die USA erst 1776 - also gut 500 Jahre nach der Eidgenossenschaft. Man hätte Trump in Davos sagen sollen, dass es ohne die Schweiz die USA gar nicht gäbe. Wir haben bisher nichts von den USA dafür bekommen. Das einzige, was wir uns wünschten, wäre ein bisschen Respekt und Anstand der USA gegenüber der Schweiz.
"Karte abgelehnt"
Die technologische Erpressbarkeit ist existenzbedrohend. Wenn morgen auf dem Display steht "Karte abgelehnt", wenn Sie mit Visa oder Mastercard bezahlen wollen, ist es zu spät für Vorbereitungen. Die Schweiz muss jetzt investieren – in eigene Infrastruktur, in Open-Source-Lösungen und in die digitale Souveränität. Unabhängigkeit im 21. Jahrhundert entscheidet sich nicht an den Grenzen, sondern in den Rechenzentren und auf den Chips in unserer Tasche.




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