top of page
soaktuell-logo-quer.png

NEU! Radio soaktuell.ch
Hören Sie das Begleitradio von soaktuell.ch für Aargau, Solothurn und die Schweiz. Mit Happy-Music, aktuellen Hit-Mixes und Oldies der 80er und 90er. Die Region im Ohr, die News im Auge. Zum Starten oben auf den Player klicken.

14-06-37-183_512.gif
Elite 8-Sponsoren:

Goodbye USA: Der stille Rückzug der Schweizer Wirtschaft

vor 3 Minuten
4 Min. Lesezeit

Was vordergründig nach einer klugen Umschichtung und einer simplen Verteilung der Risiken aussieht, ist in Wahrheit etwas viel Fundamentales: Ein schleichender, aber konsequenter Rückzug aus den USA. Offiziell betonen Wirtschaftsverbände, der Bund und Grosskonzerne weiterhin die Wichtigkeit des transatlantischen Partners. Doch hinter den Kulissen der Schweizer Unternehmen wird der einstige Traummarkt jeden Tag ein Stück unwichtiger.



Von aussen betrachtet lesen sich die Geschäftsberichte und Medienmitteilungen der Schweizer Exportwirtschaft wie ein Lehrbuch der strategischen Diversifikation. Man erschliesst neue Märkte, gründet Taskforces für Asien oder Lateinamerika und spricht von "Hedging" gegen geopolitische Risiken. Doch wer in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen hiesiger KMU und Konzerne genau hinhört, nimmt einen ganz anderen Tonfall wahr. Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Das US-Geschäft ist von einer verlässlichen Cashcow zu einem toxischen Risikoklumpen mutiert.


Der Aufwand zum Geldverdienen in den USA steigt ins Unermessliche.


Natürlich bleiben die USA auf dem Papier ein gigantischer Handelspartner. Eine jahrzehntelange Verflechtung löst man nicht über Nacht auf. Doch die Triebfeder für die aktuelle Neuausrichtung ist längst nicht mehr nur der Wunsch nach mehr Wachstum, sondern pure Frustration und kaufmännische Notwehr.


Die Ursachen tragen einen Namen, aber sie gehen über die Person Trump hinaus, hin zu einem System der permanenten Erpressbarkeit. Strafzölle, die nach Tageslaune verhängt werden, eine ausufernde Sanktionspolitik und eine Compliance-Bürokratie, die mittelständische Unternehmen schlichtweg erdrückt. Wer heute in die USA liefert, braucht ein Heer von Anwälten und Zollexperten, nur um nicht ins Fadenkreuz der US-Behörden zu geraten. Dieser Overhead frisst die Margen auf.


Die Zeche zahlt der amerikanische Bürger.


Besonders brisant ist die ökonomische Ironie hinter dieser Entwicklung: Wer bezahlt am Ende die Strafzölle, den endlosen Krieg gegen den Iran oder die durch globale Konflikte steigenden Ölpreise? Richtig: Nach zwei Jahren Trump wissen wir, vor allem die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger bezahlen den Scherbenhaufen. Zölle sind entgegen der politischen Rhetorik in Washington nichts anderes als eine verkappte Verbrauchssteuer, die vom US-Importeur und letztlich vom US-Konsumenten an der Kasse beglichen wird. Gleichzeitig treiben die enormen geopolitischen und militärischen Ausgaben das US-Haushaltsdefizit auf Pump in schwindelerregende Höhen. Das verteuert Kredite und Hypotheken. Wegen der weltweiten Verknappung von Öl und Treibstoffen verdienen sich US-amerikanische Öl-Giganten dumm und dämlich und damit auch der amerikanische Staat. Doch wer bezahlt das? Richtig. Die Amerikaner. Die Kaufkraft der Mittelschicht wird aufgefressen. Die US-Politik schwächt damit ausgerechnet die Konsumenten, die den amerikanischen Binnenmarkt für Schweizer Firmen einst so unersetzlich gemacht haben.


Rückzug ohne Einbussen


Deshalb vollzieht sich der "Goodbye USA"-Moment nicht mit einem lauten Knall, sondern als stiller Kapital- und Ressourcenabzug. Schweizer Unternehmen rekrutieren gezielt Fachkräfte, deren einzige Aufgabe es ist, das Geschäft in neue Bahnen zu lenken, um sich danach schrittweise aus den USA zurückziehen zu können – ohne finanzielle Einbussen zu erleiden. Denn das Volumen, das in Nordamerika abgebaut oder nicht mehr weiterverfolgt wird, wird heute nahtlos kompensiert.


Hier kommen die neuen, verlässlicheren Player ins Spiel. Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben in der Handelspolitik gemacht. Während Washington auf Protektionismus setzt, intensiviert Bern die Beziehungen zum Rest der Welt. Das war ein grosser Verdienst von Bundesrat Guy Parmelin und seinem Team.


Die neue multipolare Realität


Die Alternativen stehen bereit und sie spielen immer stärker mit:


  • China und Asien: Trotz geopolitischer Spannungen bietet das modernisierte Freihandelsabkommen mit China handfeste Vorteile. Die gigantisch grosse Schweizer Delegation, die in diesen Tagen China besucht, spricht sicher nicht nur über die Lieferung von Schrauben und Dübeln, hier ging es um eine künftig vertieftere strategische Zusammenarbeit. Gleichzeitig rücken Giganten wie Indien und aufstrebende Märkte wie Indonesien in den absoluten Fokus der Schweizer Exportstrategie.

  • Europa und Grossbritannien: Die EU bleibt der wichtigste und stabilste Heimmarkt. Mit Grossbritannien wurden neue, tiefgreifende Abkommen (wie das Berne Financial Services Agreement) geschmiedet, die weit über klassischen Freihandel hinausgehen. Mit Grossbritannien unterhält die Schweiz jetzt die wohl engste Partnerschaft ausserhalb der EU.

  • Kanada und Südamerika: Nordamerika besteht nicht nur aus den USA – Kanada profiliert sich als verlässlicher Partner, während in Südamerika (etwa durch den Mercosur) gewaltige neue Absatzmärkte erschlossen werden.


Fazit: Das Ende einer Ära


Niemand kündigt bestehende US-Verträge, solange sie noch Geld abwerfen. Aber das frische Kapital, die strategische Energie und die besten Köpfe fliessen nicht mehr über den Atlantik. Sie fliessen in Länder, in denen Verträge noch etwas wert sind und Handelspartner nicht am laufenden Band gedemütigt werden. Die USA mögen in den aktuellen Handelsstatistiken noch glänzen – doch für die Zukunft der Schweizer Exportwirtschaft haben sie ihren Status als unverzichtbarer Leitmarkt bereits verloren.


Ein Blick auf die Strasse genügt: Was die Grünen in den letzten zwanzig Jahren nicht fertiggebracht haben, schaffen Trump und Putin in zwei Jahren. Die Treibstoff- und Heizölpreise treiben Schweizerinnen und Schweizer scharenweise dazu, Elektroautos zu kaufen - aber chinesische und europäische. Tesla und die anderen US-Autogiganten spielen faktisch keine Rolle mehr im Schweizer Markt. Ölheizungen werden durch Wärmepumpen ersetzt wie noch nie. Und USA-Reisen von Schweizerinnen und Schweizern sind um einen Drittel eingebrochen. Das sagt eigentlich alles.


Die Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich nach zwei Jahren Trump von den USA verraten, betrogen und verletzt. Das hat Folgen auf ganzer Linie. Die Schweiz orientiert sich neu und sagt langsam, diskret und leise "Goodbye USA".



Illustration: KI-generiert Gemini

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page