Warum Fulenbach im Gäu liegt – und politisch doch zum Bezirk Olten gehört
Geografisch und kulturell ist der Fall völlig klar: Fulenbach ist eine waschechte Gäuer Gemeinde. Wer jedoch einen Blick auf die politische Landkarte des Kantons Solothurn wirft, reibt sich vielleicht verwundert die Augen. Das Dorf an der Aare ist fest dem Bezirk Olten zugeteilt. Ein historischer Irrtum bei der Grenzziehung? Keineswegs. Die spannende Spurensuche führt uns über 200 Jahre in die Vergangenheit zurück.

Im Alltag spüren die Fulenbacherinnen und Fulenbacher wenig von ihrer politischen Zugehörigkeit zur Amtei Olten-Gösgen. Das Vereinsleben, die Landschaft mit der weiten Ebene und der Aare, der Dialekt – alles atmet Gäuer Luft. Auch bei wichtigen Aufgaben spannt man ganz selbstverständlich mit den direkten Nachbarn in Wolfwil oder Neuendorf zusammen. Sei es bei der Kreisschule Gäu, der Wasserversorgung oder bei regionalen Feuerwehrverbänden: Man kennt sich, man hilft sich. Doch wenn es um Wahlen, das Bezirksgericht, das Zivilstands- oder das Grundbuchamt geht, richtet sich der Kompass plötzlich strikt nach Osten, in die Stadt Olten. Genau wie bei den Nachbardörfern Gunzgen, Kappel und Boningen. Wie kam es zu diesem administrativen Spagat?
Die Wurzeln liegen im Mittelalter
Um diese Eigenheit zu verstehen, muss man die Zeitmaschine bis ins Ancien Régime vor 1798 anwerfen. Damals gehörte das heutige Gäu zwar bereits zu Solothurn, war aber verwaltungstechnisch ein Flickenteppich und in drei Ämter unterteilt. Fulenbach bildete zusammen mit Boningen, Gunzgen und Kappel das sogenannte «Niedere Amt».
Diese Vierergruppe war keine zufällige Konstellation: Sie ging aus der ehemaligen Herrschaft des einstigen Städtchens Fridau hervor, das im 14. Jahrhundert von den Guglern zerstört wurde und sich auf Fulenbacher Boden befand. Schon damals bildeten diese vier Aare-Gemeinden eine eigene kleine Einheit im östlichen Teil des Gäus, die sich wirtschaftlich spürbar in den Oltner Raum orientierte. Das Städtchen Fridau hatte eine Brücke über die Aare und war damals wichtiger Teil der Verkehrsinfrastruktur der gesamten Region.
Der französische Umbruch von 1798
Der eigentliche Schnitt auf der Landkarte erfolgte jedoch im Jahr 1798. Mit dem Einmarsch der Franzosen und der Ausrufung der Helvetischen Republik wurde die alte Solothurner Herrschaftsordnung komplett auf den Kopf gestellt. Die historischen Vogteien wurden aufgelöst und der Kanton in neue Distrikte eingeteilt.
Dabei schlug man das obere und mittlere Gäu (mit Dörfern wie Oensingen, Egerkingen oder Härkingen) dem Distrikt Balsthal zu. Das östliche «Niedere Amt» mit Fulenbach wurde hingegen abgetrennt und dem Distrikt Olten zugeteilt. Ausschlaggebend für diesen folgenschweren Entscheid waren handfeste Gründe: Die unmittelbare geografische Nähe zu Olten, die wichtige Lage an der Aare-Verkehrsachse und die traditionell starken wirtschaftlichen Marktanbindungen an die Stadt gaben den Ausschlag.
Ein Provisorium für die Ewigkeit
Was in den Wirren der Helvetik beschlossen wurde, zementierte sich in den folgenden Jahrzehnten. Mit der Mediationsakte von 1803 und den späteren Kantonsverfassungen etablierte sich der Bezirk Olten in seinen heutigen Grenzen. Die restlichen Gäuer Gemeinden hingegen mussten extrem lange auf ihre Eigenständigkeit warten: Sie verblieben für mehr als ein Jahrhundert gemeinsam mit dem Thal im riesigen Doppelbezirk «Balsthal-Gäu».
Als dieser historische Doppelbezirk im Jahr 1988 schliesslich getrennt wurde und das Gäu endlich ein eigenständiger Bezirk wurde, war eine Rückkehr von Fulenbach, Gunzgen, Kappel und Boningen längst kein Thema mehr. Zu stark hatten sich die administrativen, gerichtlichen und institutionellen Strukturen über fast zwei Jahrhunderte in Richtung Olten gefestigt. Eine Umteilung hätte ein riesiges bürokratisches Chaos verursacht.
Und so lebt Fulenbach bis heute hervorragend mit seiner doppelten Identität. Mit dem Herzen und der Kultur tief im Aaregäu verwurzelt, aber mit dem administrativen Pass der Region Olten. Ein solothurnisches Kuriosum, das zeigt, dass historische Grenzen oft spannender sind, als sie auf den ersten Blick scheinen.
Grafik: Situationsplan Gäu von Tschubby / wikipedia.org













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