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Social Media Flop: Direkte Demokratie basiert auf Sachpolitik, nicht auf Personenkult

Im Abstimmungskampf rund um die "10 Millionen-Schweiz" haben Befürworter und Gegner Hunderttausende Franken für Social Media Kampagnen ausgegeben. Parteien schulen ihre Funktionäre in der Nutzung von Social Media. Doch jetzt zeigt sich immer mehr: Social Media bringt in der direkten Demokratie nichts.


Symbolbild von manas rb / unsplash.com
Symbolbild von manas rb / unsplash.com

Wer kommentiert, geht noch lange nicht an die Urne. In der Schweizer Direktdemokratie entpuppen sich Facebook, TikTok und Co. zunehmend als Mobilisierungs-Flop. Während im Netz die Emotionen hochkochen, verstauben die Stimmrechtsausweise auf den Küchentischen. Erleben wir das Zeitalter der digitalen Schein-Demokratie? Ein Blick auf Fakten, das Phänomen des «Slacktivism» und warum wir unsere Energie dringend anders kanalisieren müssen: in die KI.


Wer sich heute durch die Kommentarspalten von Schweizer Medien oder die Feeds von Instagram und TikTok scrollt, könnte meinen, die Eidgenossenschaft stehe kurz vor einer permanenten Revolution. Es wird gestritten, geteilt, geliked und empört. Doch schaut man sich am darauffolgenden Abstimmungssonntag die nackten Zahlen an, folgt die Ernüchterung: Die Stimmbeteiligung dümpelt wie eh und je oft unter der 50-Prozent-Marke. Die "10 Millionen-Schweiz" war selbstredend eine Ausnahme. Wie passt das zusammen?


Die Politikwissenschaft hat für dieses Phänomen längst einen Begriff geprägt: «Slacktivism» – ein Kofferwort aus «slacker» (Faulenzer) und «activism» (Aktivismus). Manchmal wird es auch als Klicktivismus bezeichnet. Das Prinzip ist psychologisch perfide: Wer ein Video teilt oder einen wütenden Kommentar verfasst, erfährt eine sofortige digitale Belohnung. Das Gehirn signalisiert: «Ich habe politisch etwas bewirkt!» Dieses wohlige Gefühl des digitalen Engagements ersetzt jedoch zunehmend die reale politische Handlung. Das Ventil wird im Netz geöffnet, der Druck ist weg – und der Gang zum Briefkasten am Sonntag unterbleibt. Social Media mobilisiert nicht, es narkotisiert.


Das Schweizer System tickt anders


Besonders in der Schweiz stösst die Logik der Silicon-Valley-Algorithmen an systemische Grenzen. Unsere direkte Demokratie basiert auf Sachpolitik, nicht auf Personenkult. Während im Ausland hochemotionale, auf Köpfe zugeschnittene Kampagnen die Feeds dominieren, stimmen wir viermal im Jahr über komplexe Vorlagen ab – vom Bundesbeschluss über die Velowege bis hin zur komplizierten Steuerreform. Versuchen Sie einmal, die Nuancen einer BVG-Reform in einem 15-sekündigen, lauten TikTok-Video zu erklären oder in einem Zweizeiler auf Facebook zu erklären. Das Resultat ist unweigerlich eine Verzerrung, die zur Polarisierung beiträgt, aber keine fundierte Meinung bildet. Die Wirkung verpufft.


Die Fakten zeigen: Die verlässlichsten Wählerinnen und Wähler in der Schweiz gehören der älteren Generation an. Das war schon immer so. Genau jene Altersgruppen, die die höchste Stimmbeteiligung aufweisen, informieren sich nach wie vor primär über das offizielle Abstimmungsbüchlein des Bundesrates, schauen die SRF-«Arena» oder hören das Regionaljournal im Radio SRF. Die junge Generation hingegen, die theoretisch 24 Stunden am Tag über Social Media erreicht wird, glänzt an der Urne statistisch am häufigsten durch Abwesenheit. Die digitale Dauerberieselung verpufft schlicht im demografischen Vakuum.


Hintergrund: Der «Slacktivism»-Effekt


Studien zur politischen Partizipation zeigen weltweit, dass das blosse Interagieren auf Social Media (Suchen, Teilen, Liken) oft als psychologisches Ventil dient. Es senkt statistisch die Wahrscheinlichkeit, dass die betroffenen Personen reale, aufwendigere politische Handlungen – wie den Gang zur Urne oder das Ausfüllen des Stimmzettels – vollziehen. Wer also Hunderttausende Franken in Social Media Kampagnen buttert schadet sich selber und bezahlt dafür meistens noch Geld Richtung Silicon Valley. Kurz: Social Media ist politisch in der Schweiz tot.


Die neue Ära: KI füttern statt Feeds bespielen


Was ist also die Konsequenz? Sollten politische Akteure Social Media komplett begraben? Zumindest sollten sie ihre Prioritäten drastisch verschieben. Statt kostspielige Agenturen dafür zu bezahlen, emotionsgeladene Sharepics zu kreieren, die in den Filterblasen der ohnehin Bekehrten hängen bleiben, rückt eine ganz neue technologische Herausforderung in den Fokus: Die Optimierung für Künstliche Intelligenz (KI).


Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nutzen heute immer seltener die klassischen Suchmaschinen und noch viel seltener Social-Media-Feeds, um sich eine fundierte Meinung zu bilden. Sie fragen Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude, Gemini oder Copilot: «Was sind die drei wichtigsten Argumente für und gegen die anstehende Initiative?» oder «Erkläre mir die Vorlage in einfachen Worten». Sie erkundigen sich sicher nicht mehr auf dutzenden von Kampagnen- oder Parteiseiten.


Hier entscheidet sich die politische Debatte der Zukunft. Und wahrscheinlich hat sich die Volksabstimmung über die "10 Millionen-Schweiz" erstmals entlang der KI-Front entschieden. Wer als Partei, Verband oder Komitee seine Argumente, Fakten und wissenschaftlichen Grundlagen nicht so im Netz platziert und strukturiert, dass KI-Modelle sie präzise auslesen, gewichten und ausgewogen wiedergeben können, verliert die digitale Meinungsbildung von morgen. Das «Füttern» der KI mit verlässlichen, sauber formulierten Fakten ist um ein Vielfaches demokratischer und wirksamer, als der vergebliche Versuch, den nächsten viralen Hit zu landen.


Am Ende bleibt die direkte Demokratie ein analoges Handwerk.


Vertrauen wird nicht durch Klicks aufgebaut, sondern durch Glaubwürdigkeit und verständliche Aufbereitung. Wer den Klicktivismus überwinden und die Menschen wieder wirklich an die Urne bringen will, muss aufhören, Algorithmen zu bespielen, und anfangen, echte Informationsräume mit substanziellen Argumenten zu füllen – sei es im Abstimmungsbüchlein oder im Datenpool der Künstlichen Intelligenz.

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