Schluss mit Ausreden: Niedertarif während dem Tag jetzt durchsetzen.
Die Sonne brennt vom Himmel, die Solaranlagen produzieren Strom im Überfluss, und das Stromnetz gerät zunehmend an sein Limit. Trotzdem bezahlen die meisten Haushalte im Kanton Solothurn und im Aargau über den Mittag noch immer den teuren Hochtarif. Es ist höchste Zeit, dass die unzähligen lokalen Stromversorger endlich im 21. Jahrhundert ankommen. Die Bevölkerung soll ihre E-Autos am Tag laden, die Wäsche und das Geschirr am frühen Nachmittag waschen und über Mittag kochen und backen. Dafür braucht es Anreize mit günstigem Strom. Doch davor drücken sich die vielen kleinen Elektras in den Kantonen Aargau und Solothurn. Man muss sie zwingen.

Die Stromtarife 2027 sind in jeder Gemeinde der Schweiz publiziert. Und es fällt auf: Viele Stromversorger bieten auch 2027 noch immer keinen Niedertarif während dem Tag an. Sie jammern lieber über zu viel Strom der PV-Anlagen während den Sonnenstunden, tragen aber nichts zur Lösung des Problems bei.
An sonnigen Sommertagen erreicht die Photovoltaik-Leistung in den Kantonen Aargau und Solothurn über die Mittagsstunden (ca. 11:30 bis 14:30 Uhr) Spitzenwerte von zusammen rund 800 bis über 1'000 Megawatt (MW). Die installierte PV-Leistung im Kanton Aargau liegt bei über 800 MWp und im Kanton Solothurn bei rund 300 MWp. Bei klarem Sommerhimmel speisen diese Anlagen zeitgleich ein und übersteigen die lokale Grundlast in vielen Wohn- und Gewerbequartieren um das Zwei- bis Vierfache.
Die Situation in unserer Region ist geradezu paradox. An den Strombörsen fällt der Preis für diese Energie zur gleichen Zeit regelmässig in den Keller, oftmals sogar in den negativen Bereich. Ein massiver Überfluss an günstigem und sauberem Strom ist da, doch beim Endkunden kommt dieses Preissignal schlichtweg nicht an. Die unflexiblen kleinen Elektras bezahlen den Besitzern von PV-Anlagen nur noch das Minimum aus für die Einspeisung des Stroms ins Netz, kassieren bei allen anderen aber den Höchstpreis ab. Null Anreize. Eine Situation, die alle Stromkunden sauer macht, die Besitzer von PV-Anlagen wie auch diejenigen ohne. Irgendwie werden alle betrogen.
Das ist total unbefriedigend. Und es ist kein Wunder, wenn die betroffene Bevölkerung die neuen bilateralen Verträge mit der EU hochgradig annimmt. Dort ist nämlich ein neues Stromabkommen enthalten, welches ermöglicht, dass die Schweizer Stromkundinnen und Stromkunden ihren Stromversorger künftig frei wählen können. Viele haben es satt, beim Strompreis vom eigenen Versorger wegen Inkompetenz oder sogar absichtlich an der Nase herum geführt zu werden.
Wer heute über Mittag den Backofen einschaltet, die Waschmaschine laufen lässt, die Wärmepumpe anwirft oder sein Elektroauto lädt, wird von den meisten der 26 Solothurner Verteilnetzbetreiber – darunter viele kleine Dorf-Elektras – unverständlicherweise mit dem teuren Hochtarif oder einem Einheitstarif "bestraft". Der günstige Niedertarif gilt, wo überhaupt noch vorhanden, stur in der Nacht, wenn die Sonne längst untergegangen ist und wir den Strom aus ausländischen Kraftwerken importieren oder unsere Wasserreserven in den Alpen anzapfen müssen. Das ist nicht nur aus ökologischer Sicht ein völliger Unsinn, sondern auch ökonomisch längst aus der Zeit gefallen.
Die Ausreden der kleinen Elektra-Genossenschaften und kommunalen Gemeindewerke sind stets dieselben: Man habe noch nicht flächendeckend intelligente Stromzähler (Smart Meter) installiert, die bestehenden Abrechnungssysteme seien für Tagestarife zu komplex und das Risiko sei für den kleinen Betrieb zu gross. Doch diese Argumente ziehen nicht mehr.
Es braucht keinen vollständigen Smart-Meter-Rollout, um ein Tarifmodell anzupassen. Schliesslich haben alle Elektras aus früheren Zeiten Erfahrung mit der Abrechnung von Hoch- und Niedertarifen. Wenn die Umschaltung von Hoch- auf Niedertarif seit Jahrzehnten mit herkömmlichen Rundsteuergeräten problemlos möglich war, dann ist auch eine zeitliche Verschiebung dieses Niedertarifs in die sonnenreichen Mittagsstunden technisch absolut machbar.
Es fehlt ganz einfach der politische und unternehmerische Wille. Oder die Elektras sind schlicht inkompetent. Wer spätestens ab Sommer 27 noch kein Niedertarif am Tag - Modell anbietet, gehört ausgewechselt.
Die Politik auf Kantons- und Bundesebene hat den lokalen Versorgern bewusst Freiraum gelassen. Der Solothurner Kantonsrat oder der Grosse Rat Aargau dürfen den Elektras aus rechtlichen Gründen keine Tarifmodelle diktieren, und auch der Bund setzt auf Freiwilligkeit. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Vorstände der Genossenschaften und Gemeinderäte weiterhin in ihrer Komfortzone verharren dürfen. Mit der jüngsten StromVG-Revision (Mantelerlass) und den Bestimmungen der StromVV (Art. 18a) stellt der Bund den Versorgern frei, ob sie einen klassischen Einheitstarif, dynamische Tarife oder zeitvariable Leistungstarife anwenden.
Einige wenige Vorreiter in der Region, wie beispielsweise die Aare Versorgungs AG (AVAG) oder die Regio Energie Solothurn, machen längst vor, wie es geht. Wer seinen Stromverbrauch in die Sonnenstunden verlegt, hilft das Netz massiv zu entlasten, und erspart der Allgemeinheit teure Netzausbauten. Das ist eine Win-Win-Situation die auch ökologisch Sinn macht.
Es liegt nun an der Bevölkerung. Viele dörfliche Stromversorger in unserer Region sind als Genossenschaften organisiert. Wir sind nicht nur Kunden, wir sind in den meisten Fällen auch Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Wir haben an der nächsten Generalversammlung das Sagen. Wir müssen aufstehen, Anträge stellen und von unseren Vorständen ultimativ verlangen, dass sie den Niedertarif während des Tages einführen. Das ewige Verstecken hinter bürokratischen Hürden muss sofort enden. Mittlerweile sind die überforderten und inkompetenten Elektras das Tagesgespräch in den Dörfern. Alle machen die Faust im Sack. So geht es nicht weiter. Wir brauchen Tarife, welche den Solar-Boom aktiv nutzen und unterstützen und nicht ausbremsen.
Schluss mit den Ausreden – der Fortschritt wartet nicht, bis auch die letzte Dorf-Elektra ihre internen Probleme gelöst hat.
Symbolbild von Kelly Sikkema / unsplash.com














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