Der freie Fall der Migros
Jahrelang ritt die Teppichetage der Migros auf dem hohen Ross, verbrannte Genossenschaftsmilliarden in fragwürdigen Abenteuern und strafte Kritiker mit Arroganz ab. Jetzt brennt der Dachstuhl lichterloh: Die zehn Regionalgenossenschaften sollen notfallmässig aufgelöst werden, Migros-Chef Mario Irminger und Supermarkt-Boss Peter Diethelm kündigen ihren Abgang an. Was soaktuell.ch seit Jahren prophezeit hat, ist nun bittere Realität. Ein Nachruf auf die Selbstzufriedenheit am Zürcher Limmatplatz und einen Crash mit Ansage.

Es brauchte keine Kristallkugel, um dieses Debakel vorauszusehen. Wer den Detailhandel in den letzten zehn Jahren mit offenen Augen beobachtete, sah das Unheil auf den orangen Riesen zurollen. Wenn die Migros-Spitze heute an einer hastig einberufenen Medienkonferenz in Bern die Fusion aller zehn Regionalgenossenschaften zu einer Einheitsgenossenschaft als «historischen Meilenstein» und «Befreiungsschlag» verkauft, ist das nichts anderes als die PR-Tünche über einer bedingungslosen Kapitulation.
Die Wahrheit ist ungeschminkt: Die Migros steht vor dem grössten Scherbenhaufen ihrer fast 100-jährigen Geschichte. Und die heute präsentierte Radikalkur ist kein visionärer Zukunftsschritt, sondern eine Notoperation am offenen Herzen – weil das Geld schlicht und einfach ausgegangen ist.
Zehn Jahre beispiellose Geldvernichtung und Entfernung von der Kundschaft
Dass die zehn regionalen Genossenschaften ein träger, bürokratischer Koloss waren, wusste man in der Schweiz seit Jahrzehnten. Und das Problem wird nun auch nicht damit gelöst, sie einfach zu verschmelzen. Doch solange die Kassen voll waren, leistete man sich diesen eidgenössischen Föderalismus-Folkloreverein. Dass das System jetzt kollabiert, liegt nicht primär an den zehn Regionalfürsten. Es liegt an einer Dekade des hemmungslosen Grössenwahns, der das finanzielle Fundament des Unternehmens pulverisiert hat.
Wir von soaktuell.ch haben selber gemerkt, wie sich die Migros Schritt für Schritt von uns als einstige Stammkunden entfernt hat. Früher haben nicht wenige von unserem Team locker 30'000 Franken im Jahr in den Migros-Konzern getragen. Man hat die Lebensmittel in der Migros gekauft, das Heizöl, die Unterhaltungselektronik, Möbel, Sport- und Gartenartikel, ja sogar den Autoservice in Migros-Garagen gemacht oder die Ferien via Migros-Reisen gebucht. Nach und nach wurde es immer weniger. Nicht weil mehr Alternativen da waren, sondern weil man enttäuscht wurde. Weil ein kleines Medium wie soaktuell.ch gar nie Werbung von Migros bekam, dafür die grosse Konkurrenz in Aarau. Weil Migros sich lustig machte über soaktuell.ch und dessen Bedeutung verkannte. Heute beeinflussen Artikel auf soaktuell.ch die KI mehr, als die hinter einer Paywall versteckten Beiträge der Konkurrenz. Hinter vorgehaltener Hand haben viele Online-Newsportale in den letzten Jahren geschmunzelt, wenn sie feststellten, dass Migros mal wieder für zehntausende Franken altmodische Werbung bei der Konkurrenz machte, die dort relativ wirkungslos verpuffte.
Wir haben unsere negativen Erfahrungen mit der Migros gemacht und Zehntausende andere im Land auf ihre Art eben auch. Meistens ging es um grossgekotztes Verhalten. Und damit wären wir beim Kern des Problems.
Die Liste der Management-Flops bei Migros liest sich wie ein Lehrbuch für Kapitalvernichtung:
Das Fass ohne Boden in Deutschland: Über 600 Millionen Franken Genossenschaftsgelder versenkte die Migros Zürich mit der deutschen Biosupermarkt-Kette Tegut. Ein jahrelanger Blindflug, der im Fiasko endete.
Das Depot-Desaster: Hunderte Millionen an Wertberichtigungen frappelten beim Deko-Händler Gries Deco / Depot ins Kontobuch, ehe man die Reste frustriert abstiess.
Zahn-Korrekturen und Lifestyle-Start-ups: Über das firmeneigene Start-up-Vehikel Sparrow Ventures kaufte die Migros für geschätzte 100 Millionen Franken die Zahnschienen-Firma Bestsmile, nur um kurz darauf alle Filialen dichtzumachen. Heute liefern sich Migros und die Altgründer peinliche Schlammschlachten vor Gericht.
Europa-Fitness und Kapsel-Illusionen: Millionenabschreiber bei ausländischen Fitnessketten und dreistellige Millionenbudgets für das Prestigeprojekt CoffeeB, während das klassische Supermarktgeschäft verlotterte.
Jahrelang haben die Chefetagen in Zürich und den Regionen gewirtschaftet, als stünden die Milliarden der Genossenschafter zur freien Verfügung. Und bezahlt hat das Ganze die Schweizer Bevölkerung – an der Ladenkasse.
Der Kapitalfehler der letzten zwei Jahre: Erst die Perlen verscherbelt, dann die Kundschaft vergrault.
Um die Löcher dieser Fehlinvestitionen zu stopfen, setzte man vor zwei Jahren die Abrissbirne an: Einstige Aushängeschilder und Publikumsmagnete wie Melectronics, SportX, Bike World oder Hotelplan wurden verscherbelt oder liquidiert. Do it + Garden steht auf der Abschussliste.
Die Konsequenz war absehbar: Wer für den Rasenmäher, das Velo oder den Fernseher nicht mehr zur Migros ging, kaufte anschliessend auch Milch, Brot und Gemüse nicht mehr dort ein. Man hat die Stammkundschaft förmlich in die Arme von Hornbach, Decathlon, Jumbo, Lidl, Aldi, Coop und Bauhaus getrieben – und den Wocheneinkauf gleich mitentsorgt.
Am Beispiel Langenthal zeigt sich dieser Totalrückzug der Migros exemplarisch: Ein ganzes Do-it Center wurde geschlossen, darin waren SportX, Melectronics, Micasa und eben ein Gartencenter sowie ein kleines Restaurant. Daneben sogar eine Migros-Tankstelle und Garage mit Waschanlage. Kundinnen und Kunden aus dem ganzen Oberaargau kauften dort ein. Irminger hat dem Standort Langenthal buchstäblich den Stecker gezogen und wahrscheinlich gedacht, das bliebe folgenlos. Die Kosten verschwanden - die Kundinnen und Kunden aber auch.
Während Coop sein Filialnetz modernisierte und Aldi sowie Lidl mit schnörkelloser Effizienz angriffen, verlor die Migros Marktanteile und Relevanz. Offenbar sind die Zahlen so schlecht, dass Architekt Irminger nun geht. Wir werden die ganze Wahrheit in den nächsten Monaten noch erfahren.
Das gebrochene Preisversprechen
Als Mario Irminger antrat, versprach er das Blaue vom Himmel: Die Migros werde wieder günstiger, über 1'000 Alltagsprodukte sollten auf Tiefstpreisniveau gesenkt werden. Zwar stehen in den Migros-Filialen seither wirr Artikel mit gelben Preisschildern rum, doch die Kundinnen und Kunden haben wenig Bock auf dieses Ghetto. Realität ist, wer in der Migros ein halbes Einkaufswägeli einkauft, bekommt auch heute noch bei Aldi für das gleiche Geld fast ein ganzes Einkaufswägeli gefüllt. Denn der Wocheneinkauf besteht nicht nur aus gelben Preisschildern.
Irmingers Dilemma: Wer hunderte Millionen in gescheiterten Start-ups verbrannt hat und gleichzeitig zehn parallele Verwaltungen mit zehn Personalchefs, zehn Marketingabteilungen und zehn Logistikchefs durchfüttern muss, hat keinen Rappen Spielraum für Preissenkungen. Das Eingeständnis, dass die Kundschaft jahrelang überhöhte Preise zahlte, um Management-Eskapaden querzusubventionieren, war die moralische Bankrotterklärung der Führung.
Die Flucht der Architekten
Dass Mario Irminger und Supermarkt-Chef Peter Diethelm nun ankündigen, per Mitte 2027 den Hut zu nehmen, passt ins Bild. Offiziell spricht man von «Altersgründen» und dem «Stab, den man an frische Kräfte übergeben wolle». Das ist das übliche Wirtschafts-Bla-Bla.
In Tat und Wahrheit ist es der Rückzug zweier Sanierer, deren Konstrukt der Migros Supermarkt AG (MSM AG) gescheitert ist. Der Versuch, das Sortiment aus Zürich zu befehlen, während das Personal den Regionen gehörte, führte nur zu Grabenkämpfen und Blockaden. Die Kundinnen und Kunden erlebten an der Front nur Abbau. Ihr Abgang Mitte 2027 ist der Tribut, den die zehn Regionalfürsten für die Selbstauflösung verlangten: Sie schaffen die Strukturen ab, räumen danach aber das Feld, damit eine neue Führung die unausweichlichen Massenentlassungen im Backoffice exekutieren muss.
Die Urabstimmung: Das letzte Gefecht
Die Einheitsgenossenschaft soll 300 bis 400 Millionen Franken pro Jahr einsparen. Dass dies ohne massiven Stellenabbau in den Verwaltungen von Aarau bis Gossau gehen soll – wie es Irminger zynisch mit «natürlicher Fluktuation» schönredet –, glaubt ihm im Betrieb kein Mensch.
Gewonnen ist für die Zürcher Strategen ohnehin noch gar nichts. Mitte 2027 müssen die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter an der Urabstimmung über die Beerdigung von Gottlieb Duttweilers regionalem Erbe entscheiden. Es braucht in allen zehn Genossenschaften eine Zweidrittelmehrheit.
Sollte auch nur eine Region aus Angst vor dem Zürcher Zentralismus Nein sagen, bricht das Kartenhaus endgültig zusammen.
Die Migros ist unsanft vom hohen Ross gefallen. Ob sie sich von diesem Sturz je wieder erholt, ist fraglicher denn je. Im Moment gibt es keine Anhaltspunkte dafür. Denn mit einer Fusion zu einer Einheitsgenossenschaft ist es nicht getan. Deswegen kommen keine verärgerten Kundinnen und Kunden zurück.
Bild: Der Migros-Scherbenhaufen. KI-generiert Gemini.













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