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Das böse Erwachen in Moskau: Nestlé zahlt den Preis für die Russland-Illusion

vor 4 Stunden
2 Min. Lesezeit

Per Präsidialdekret hat der Kreml Fakten geschaffen: Nestlé verliert die Kontrolle über zentrale Teile seines Russland-Geschäfts. Wer viereinhalb Jahre lang glaubte, im Reich von Wladimir Putin mit einer Mischung aus Neutralitäts-Rhetorik, Zögern und Vogel-Strauss-Politik durchzukommen, steht vor den Trümmern seiner Kalkulation. Ein Lehrstück über Zynismus, Realitätsverweigerung und ein längst fälliger Weckruf für die Schweizer Wirtschaft. Wer jetzt noch in oder mit Russland Geschäfte macht, ist wirklich selber schuld.



Die Nachricht schlug am Schweizer Finanzplatz ein: Der Aktienkurs des Nahrungsmittelmultis mit Sitz in Vevey sackte spürbar ab. Kreml-Chef Wladimir Putin stellte die Anteile an den Tochtergesellschaften Nestlé Russia und Nestlé Kuban per Dekret unter staatliche Zwangsverwaltung. Die operative Führung wandert zur russischen Briefkastenfirma L.E.V. Management. Offiziell bleibt Nestlé zwar Eigentümerin auf dem Papier, faktisch aber hat der Konzern die Schlüssel zu seinen Fabriken abgegeben. Dividenden? Blockiert. Mitspracherecht? Null. Neben den Schweizern traf der jüngste Willkürakt auch die französischen Handelsketten Auchan und Lemana Pro. Das Signal des Kremls an westliche Unternehmen könnte nicht deutlicher sein: Euer Eigentum gehört euch nur so lange, wie es Moskau gefällt. Selber schuld, wer noch immer nicht gecheckt hat, dass es zwischen Europa und Russland null Gemeinsamkeiten mehr gibt.


Nach den Zwangsenteignungen von Danone und Carlsberg im Jahr 2023 traf es nun das nächste internationale Schwergewicht. Jahrelang verteidigte die Konzernspitze am Genfersee das Verharren auf dem russischen Markt mit moralischer Rhetorik: Man sichere schliesslich die «Grundversorgung» der Zivilbevölkerung mit Babynahrung, Tierfutter und Kaffee. Neuinvestitionen und Marketing wurden eingefroren, Exporte gestoppt. Ein diplomatischer Eiertanz, der niemanden überzeugte. Dem Kreml lieferte er gar den Hebel: Lokale Akteure forderten den staatlichen Eingriff mit dem Vorwurf, Nestlé sabotiere die Produktion und lasse Kapazitäten ungenutzt liegen. Die Falle schnappte mit Ansage zu.


Über Jahrzehnte funktionierte das bequeme Credo, wonach man Geopolitik und Geschäft strikt trennen könne. Im autoritären Russland ist dieses Modell krachend an die Wand gefahren. Wer Fabriken in einem kriegsführenden Staat betreibt, finanziert das System über Steuern und Abgaben mit. Zu glauben, ein Regime, das Grenzen mit Panzern niederwalzt, werde westliche Eigentumsrechte respektieren, war keine kaufmännische Vorsicht, sondern schiere Dummheit. Anders kann man es nicht formulieren.


Konzerne wie Holcim oder ABB zogen frühzeitig mit schmerzhaften Milliardenabschreibungen die Reissleine. Sie haben es richtig gemacht. Nestlé hingegen lavierte – und verlor. Zwar macht der russische Markt nur rund zwei Prozent des Konzernumsatzes aus, doch Analysten warnen bereits vor empfindlichen Gewinnkürzungen pro Aktie, sollte die Totalabschreibung folgen. Und die wird folgen. Wer auf was anderes hofft, träumt weiter.


Wer nach all den Warnungen noch immer in Moskau auf Zeit spielte, ist kein bedauernswertes Opfer. Wer mit Autokraten pokert, verliert am Ende immer gegen die Bank. Für die Schweizer Wirtschaftswelt gibt es nach diesem Freitag keine Ausreden mehr.


Illustration KI-generiert von Gemini

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