top of page
Suche

Nur 5 Prozent der Aargauer Kantonsschüler sehen sich politisch rechts der Mitte

Ende Juni 2022 überwies der Grosse Rat ein Postulat betreffend der Einhaltung der politischen Neutralität durch die kantonalen Mittelschulen. Nun liegen die Ergebnisse der in der Folge bei rund 6'000 Schülerinnen und Schülern, 850 Lehrpersonen und der Rektorin und den Rektoren der kantonalen Mittelschulen durchgeführten Umfrage vor. Im Zentrum der Befragung stand der Umgang mit politischen Themen im Schulunterricht. Der Regierungsrat erkennt aufgrund der Ergebnisse keinen grundsätzlichen Handlungsbedarf. Er lädt die Schulen aber ein, sich mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen.

Symbolbild von Peter Freitag / pixelio.de


Das Postulat Schoop verlangte vom Regierungsrat, dass die Einhaltung der politischen Neutralität an den aargauischen Mittelschulen mittels einer repräsentativen Umfrage unter den Schülerinnen und Schülern zu prüfen sei und dass darauf basierend der Regierungsrat Massnahmen zur Gewährleistung der politischen Neutralität vorschlagen solle. Es sei unausweichlich, dass beide Seiten eines politischen Themas beleuchtet und die Schülerinnen und Schüler unabhängig von persönlichen Meinungen der Lehrpersonen oder der Schulleitung an die Materie herangeführt würden. Zusätzlich gelte es, die Meinungsfreiheit der jungen Bürgerinnen und Bürger im schulischen Umfeld zu schützen.


Der Regierungsrat beauftragte das Befragungsinstitut SOTOMO, Zürich, mit der Durchführung einer auf wissenschaftlichen Kriterien basierenden Online-Vollerhebung. Um eine hohe Repräsentativität zu erlangen, wurden alle Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen zur Teilnahme eingeladen, die Rektorin und die Rektoren der Kantonsschulen wurden interviewt. Ziel der Befragung war, zu erfahren, ob die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und politischen Fragestellungen aus Sicht der Betroffenen einseitig oder vielschichtig erfolgt und ob die Pluralität der Meinungen an den Mittelschulen respektiert wird.


Ergebnisse der Befragung

An der Befragung nahmen knapp 40 Prozent aller Aargauer Mittelschülerinnen und Mittelschüler sowie knapp 60 Prozent aller Lehrpersonen teil. Die Resultate der von Oktober bis November 2022 durchgeführten Befragung liegen nun vor.


Die wichtigsten Erkenntnisse der Umfrage sind im Kurzbericht der SOTOMO, welcher der Botschaft an den Grossen Rat beiliegt, zusammengefasst. Es sind dies:

  • Grossmehrheitlich gehen die Aargauer Mittelschülerinnen und Mittelschüler gerne in ihre Schule. Sie fühlen sich wohl und empfinden die Atmosphäre an ihrer Schule als positiv.

  • Einige Schülerinnen und Schüler fühlen sich an ihrer Schule (gelegentlich) benachteiligt. Dies trifft auf 16 Prozent der Befragten zu, das entspricht rund 350 Personen von gut 2200 Schülerinnen und Schülern, die an der Befragung teilnahmen. Die empfundene Benachteiligung ist am häufigsten auf die politische Einstellung oder die Nationalität zurückzuführen.

  • Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen sind übereinstimmend der Ansicht, dass die politische Sozialisierung in erster Linie im Elternhaus und nicht in der Schule erfolgt.

  • Gut die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler kann sich auf der Links-Rechts-Achse politisch verorten. Von denjenigen, die eine Verortung vorgenommen haben, stufen sich knapp 30 Prozent auf der linken Seite ein, zwei Drittel in der politischen Mitte und fünf Prozent rechts.

  • Politische Debatten werden von Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern gleichermassen als lehrreich betrachtet. Allerdings erachten die Lehrpersonen die Debatten als deutlich toleranter als die Schülerinnen und Schüler.

  • Die Lehrpersonen nehmen die politischen Debatten auch als ausgeglichener wahr als Schülerinnen und Schüler.

  • Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler traut sich, sich bei einer Debatte mit politischem Bezug im Unterricht zu Wort zu melden. Schülerinnen trauen sich weniger als Schüler und politisch rechts positionierte Personen weniger als links positionierte. Auch Personen mit tiefem Vertrauen in ihre Schule und solche, die über weniger Wissen über Politik verfügen, trauen sich weniger, sich zu äussern.

  • Manche Schülerinnen und Schüler leiden unter Peer Pressure bei politischen Debatten. Dies betrifft häufiger Schülerinnen und Schüler, die sich politisch (eher) rechts positionieren.

  • Lehrpersonen sind sich einig: Die persönliche Haltung hat nicht in den Unterricht einzufliessen.

  • Nichts ist den Schülerinnen und Schülern an ihren Lehrpersonen so wichtig wie deren Fairness und Korrektheit ihnen gegenüber im Zusammenhang mit Leistungsbewertungen. Die politische Einstellung der Lehrpersonen interessiert die Schülerschaft hingegen nicht wirklich.

Regierungsrat erkennt keine systemischen Defizite

Insgesamt erkennt der Regierungsrat aufgrund der Resultate und Schlussfolgerungen seitens der SOTOMO keine systemischen Defizite im Umgang mit der politischen Neutralität an den Kantonsschulen. Er sieht entsprechend keinen Handlungsbedarf für eine Intervention an den Kantonsschulen.


Die Resultate der Umfrage geben jedoch wertvolle Hinweise für die Gestaltung des Schulalltags durch Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler. Bildungsdirektor Alex Hürzeler erwartet daher, dass die Studie an den Schulen aktiv genutzt wird, um sich mit der Debattenkultur im Unterricht und an der Schule auseinanderzusetzen, nicht nur aber auch bei politischen Themen. Auffällig ist, dass diese seitens der Schülerschaft und der Lehrpersonen in den einzelnen Abteilungen teilweise sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Der Umgang mit Minderheiten muss für eine Schule relevant sein und die Studie gibt wichtige Hinweise darauf, welche Personengruppen sich benachteiligt fühlen und warum. Die Studie zeigt deutlich auf, wie wichtig es in der Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler ist, dass die Lehrpersonen den Minderheitspositionen in Diskussionen gebührend Raum geben.


Die Resultate der Umfrage sollen aber auch die Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisieren, dass Meinungsäusserungen von Schulkolleginnen und Schulkollegen eine sachliche und faire Auseinandersetzung verdienen. Es gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens, sich mit divergenten Meinungen, mit Minderheitspositionen oder mit der Andersartigkeit, sei es der eigenen oder der von Kolleginnen oder Kollegen, auf konstruktive Art auseinanderzusetzen und sich behaupten zu lernen. Die Kantonsschulen mit ihrem vielfältigen, gemeinschaftlichen Leben in- und vor allem auch ausserhalb der Unterrichtslektionen bieten dafür einen geeigneten Rahmen.

0 Kommentare

Comments

Rated 0 out of 5 stars.