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Jeder vierte Haushalt in der Schweiz von medizinischen Engpässen betroffen

Das Schweizer Gesundheitswesen kämpft mit Lieferengpässen bei Medikamenten und Medizinaltechnik. Das spüren die Patientinnen und Patienten, wie eine repräsentative Umfrage von comparis.ch zeigt. Ein Viertel der Befragten gab an, im letzten halben Jahr entweder selbst von einem Versorgungsengpass betroffen gewesen zu sein oder ein anderes Haushaltsmitglied. Bei Familien mit Kindern ist es sogar beinahe jeder dritte Haushalt. «Es ist wichtig, dass Bundesbern rasch etwas gegen Versorgungsengpässe in der Medizin tut. Ich befürchte aber teure Bürokratie und Heimatschutz», sagt Comparis-Experte Felix Schneuwly.


comparis.ch AG

So grosse Engpässe in der Medizin hat es in der Schweiz in der jüngeren Vergangenheit nicht gegeben. Es fehlt an Medikamenten, Medizinalprodukten und Personal. In den vergangenen 6 Monaten war ein Viertel der Bevölkerung von einem medizinischen Engpass direkt oder indirekt betroffen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Comparis. 11 Prozent geben an, selbst betroffen gewesen zu sein. Bei 8 Prozent war eine andere Person im Haushalt betroffen. Bei weiteren 6 Prozent erhielt sogar die befragte Person selbst und zusätzlich eine weitere Person im Haushalt die benötigten Güter oder Behandlungen nicht wie gewohnt.


Leben Kinder im Haushalt, ist der Anteil signifikant höher: 31 Prozent der Befragten mit Kindern geben an, betroffen gewesen zu sein. Bei den Befragten ohne Kinder bei sich zu Hause sind es nur 22 Prozent.


«Dass insbesondere Kinder unter medizinischen Versorgungsengpässen leiden, zeigt, wie falsch die Gesundheitspolitik mit dem Kostenröhrenblick der letzten zehn Jahre war. Wir lösen die Probleme nicht mit Sparpaketen, sondern mit einer Finanzierung, die sich am Behandlungserfolg orientiert, mit offenen Grenzen und besserer Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern», kritisiert Comparis-Experte Felix Schneuwly.


Mehr Produktion im Inland erwünscht

Um die Versorgungssicherheit mit Medikamenten zu erhöhen, könnte die Politik verschiedene Massnahmen ergreifen. 7 dieser Massnahmen wurden den Befragten von comparis.ch vorgelegt. Drei Viertel fänden es sinnvoll, wenn mehr Medikamente in der Schweiz produziert würden, um die Versorgung sicherzustellen.


Aber auch eine verstärkte internationale Zusammenarbeit sowie die Lockerung der Zulassungsbeschränkungen werden befürwortet. 65 Prozent der Befragten sind für eine verstärkte Zusammenarbeit der Schweiz mit anderen Staaten, damit wichtige Medikamente und Medizinalprodukte weltweit von mehreren Herstellern angeboten werden können. 60 Prozent wünschen sich, dass die Schweiz den Import von Medikamenten und Medizinalprodukten zulässt, wenn diese in Ländern mit vergleichbaren Zulassungskriterien bereits erhältlich sind.


54 Prozent würden es zudem begrüssen, wenn in der Schweiz anstelle der heutigen festen Packungsgrössen Medikamente vermehrt rationiert abgegeben würden. Dann würden zum Beispiel nur so viele Tabletten verkauft, wie für eine Therapie wirklich nötig sind.


«Die Umfrage zeigt, dass sich die Bevölkerung Lösungen von der Politik wünscht und dass sie wenig Verständnis für verschwenderischen Umgang mit Medikamenten hat. Dass eine inländische Produktion populär ist, überrascht wenig, da sie die vermeintlich sicherste, unabhängigste Variante ist», sagt Felix Schneuwly.


Die Industrie macht auch günstige Preise für Engpässe verantwortlich. Könnten etwa gewisse Medikamente teurer angeboten werden, würde sich die Produktion für die Firmen eher lohnen. Dieses Argument verfängt in der Bevölkerung allerdings nicht. Nur knapp 16 Prozent der Befragten wären laut Umfrage bereit, höhere Preise zu bezahlen.


«Die Leute, die eine inländische Produktion befürworten, müssen bedenken, dass diese die Produkte stark verteuern würde und weiter von Rohstoffen aus dem Ausland abhängig wäre. Hohe Preise wollen die Leute offenbar nicht. Dabei ist es so: Wenn der vom Bundesamt für Gesundheit festgesetzte Preis für einen Hersteller zu tief ist, produziert er eben nicht in der Schweiz oder liefert das in China oder Indien produzierte Medikament nicht hierher. Die Wahrheit liegt oft zwischen den Extrempositionen», sagt Schneuwly.

Medizinische Engpässe keine Top-Sorge

Trotz hoher Betroffenheit rangieren medizinische Engpässe aktuell nicht in den Top-Sorgen der Bevölkerung. Auf einer Skala von 1 bis 5 – von «ich mache mir gar keine Sorgen» bis «ich mache mir sehr grosse Sorgen» – wählen 40 Prozent der Bevölkerung eine 4 oder 5. Das ist etwas weniger als bei den hohen Benzin- und Erdölpreisen (43 Prozent), aber etwas mehr als beim Verlust der Neutralität (38 Prozent) oder bei den Energieengpässen (37 Prozent). Deutlich mehr treiben die Bevölkerung laut Umfrage die Krankenkassenprämien (62 Prozent), die Wohnkosten (60 Prozent) und die Altersvorsorge (57 Prozent) um.


Personen, die ihren Gesundheitszustand als mittelmässig bis schlecht einstufen, sind mit 46 Prozent Ja-Nennungen signifikant besorgter bezüglich der medizinischen Engpässe. Allerdings bewertete dieselbe Gruppe auch viele andere Herausforderungen signifikant negativer als die Gruppe, die sich gesund fühlt.


«Wie bei der Credit Suisse werden bestimmte Themen erst dann zur Top-Sorge, wenn es zu spät ist. Die Politik ist also gut beraten, jetzt zu handeln. Und in der hoch spezialisierten und vernetzten Welt von heute und morgen reicht Heimatschutz nicht, um medizinische Lieferengpässe in der Schweiz zu verhindern, es braucht offene Grenzen und eine gute internationale Zusammenarbeit», so Schneuwly.

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