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SVP-Gesundheitsdirektoren machen super Job - ohne Rückendeckung ihrer Partei

Das Online-Portal nau.ch deckt heute Sonntag auf, dass diejenigen Kantone, die von SVP-Gesundheitsdirektoren geführt werden, auffällig tiefere Corona-Zahlen aufweisen, als jene, die von Freisinnigen oder Sozialdemokraten durch die Krise geführt werden. Und dies, obwohl die SVP ihren eigenen Gesundheitsdirektoren bei der Corona-Politik ständig Steine in den Weg legt.

Die Anzahl Corona-Fälle seit Ausbruch der Pandemie. Die Farben zeigen die Parteizugehörigkeit der Gesundheitsdirektoren in den jeweiligen Kantonen. (Grafik: BAG / nau.ch)


Sechs der sieben Gesundheitsdirektoren der SVP konnten die Zahlen in ihren Kantonen unter dem Schweizer Schnitt halten. In dieser Hinsicht glänzt auch die Mitte-Partei. Über dem Median liegen hingegen fünf der acht SP-Mandatsgebiete. Die FDP-Kantone weisen sogar alle überdurchschnittlich viele Infektionen mit dem Coronavirus auf. An der Spitze liegt der Genfer Mauro Poggia von der rechtspopulistischen Protestpartei «Mouvement Citoyens Genevois», schreibt Miguel Pereiro von nau.ch. Der gleiche Trend zeigt sich bei den Spitaleinweisungen und Todesfällen. Fünf der SVP-Gesundheitsdirektoren können diese Zahlen unter dem Median halten.


Diese Ergebnisse sind eine grosse Überraschung. Denn die sieben SVP-Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren haben mit ihrer Politik absolut keinen Rückhalt in ihrer Partei - dafür umsomehr in der Parteibasis. Die offizielle SVP lehnte als einzige grosse Partei die Revision des Covid-Gesetzes ab und legte sich im Abstimmungskampf mit den Massnahmengegnern, Freiheitstrychlern, Verschwörungstheoretikern, 5G-Gegnern und anderen "Chügelifressern" ins Bett. Erst kurz vor der Abstimmung, als der Partei die älteren, langjährigen Mitglieder reihenweise davon liefen und es Austritte hagelte, wurde die SVP immer ruhiger. So ruhig, dass sich am Abstimmungssonntag kein SVP'ler mehr vor die Kameras wagte.


Beispiel: Aargau

Die Spaltung zeigte sich exemplarisch im Kanton Aargau, wo Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati (SVP) das Covid-19-Gesetz gegen die Nein-Parole seiner Partei unterstützte. Und die ansonsten treue Mitgliederbasis der SVP im Aargau fasste an der kantonalen Delegiertenversammlung prompt die Ja-Parole. Denn an der Basis sieht man, was die Gesundheitsdirektoren leisten. Auch in Zürich forderte Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) im Dezember einen Lockdown, während sich die meisten ihrer Parteikollegen dagegen wehrten. Und im Kanton Bern unterstützt Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg (SVP) das Covid-Zertifikat, gegen den Willen seiner Partei. Er sympathisiert sogar mit einer 2G-Regel.


Gut gestartet - falsch abgebogen

Die SVP wäre unglaublich gut in die Pandemie gestartet, als Nationalrätin Martullo-Blocher Maske trug, in einer Zeit, in der alle anderen nach darüber lachten. Im Frühling 2021 aber verlor die Partei die Nähe zur Parteibasis mit zwei fatalen Fehlentscheidungen. Zuerst machte sich die Partei zum Sprachrohr von Massnahmengegnern und wurde so faktisch zur Partei der Impfgegner. Gleichzeitig startete Nationalrätin Esther Friedli - im Schlepptau des Verbandes Gastro Suisse - den Kampf gegen Beizenschliessungen. Damit manövrierte sich die einst stolze Verfechterin der Schulmedizin völlig ins Offside. Ausgerechnet die Impfungen hätten den Menschen jene Freiheit zurückgegeben, für welche die SVP kämpfte. Bisheriger Schlusspunkt des Trauerspiels war der Kampf der SVP gegen das Covid-Gesetz, welcher den SVP-Gesundheitsdirektoren grossen Kummer bereitete.


Dies war einem grossen Teil der Parteibasis zu viel. Denn "an der Front" sieht es anders aus. Kaum eine Familie im Lande, die nicht dramatische oder traurige Erfahrungen mit Covid macht. Hier erkranken vor allem ältere Menschen schwer oder sterben qualvoll an Covid - viele davon SVP-Wähler. Und hinter jedem Schicksalsschlag steht eine Familie - oftmals auch SVP-Wähler. Andere kämpfen mit Covid an den Schulen. Sie alle verstehen ihre eigene Partei nicht mehr.


Das Problem bei der SVP ist, dass die Verantwortlichen offensichtlich die Nähe zur Parteibasis verlieren. Wenn Vizepräsident Nationalrat Marcel Dettling am Freitag in der Arena gegen die Massnahmen des Bundesrats wetterte, sprach er bestenfalls als Vertreter des Kantons Schwyz, repräsentiert aber in keiner Art und Weise die Haltung eines grossen Teils der SVP-Basis in Kantonen wie Aargau, Zürich oder Bern. Und wenn er sagt, dass die Todesfälle wegen Covid fast nur Menschen über 80 Jahren betreffen, mag das statistisch zwar stimmen, aber sie ist aus SVP-Sicht höchst fragwürdig. Die SVP nimmt die Stimmen der Generation über 80 bei Abstimmungen und Wahlen sehr gerne, will sonst aber offensichtlich nichts zum Schutz dieser verletzlichen Generation beitragen, dürften sich Hunderttausende TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer gedacht haben.


Die SVP wäre wohl gut beraten, sich aus der Corona-Politik herauszuhalten und sie den SVP-Gesundheitsdirektoren zu überlassen, die etwas davon verstehen und die Lage "an der Front" richtig einschätzen.

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