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Schock! Krankenkassenprämien steigen 2024 um bis zu 10 Prozent

Die Grundversicherungsprämien steigen 2024 laut Comparis-Prognose im Schnitt um 6 Prozent. Comparis-Krankenkassenexperte Felix Schneuwly erachtet einen erneuten Prämienschock ohne politischen Eingriff in die Reserven als nicht notwendig. «Die Krankenkassen wurden vom Bundesamt für Gesundheit gezwungen, Reserven abzubauen. Deshalb fehlt vielen von ihnen wie schon vor einem Jahr das Reservepolster, um Kostenschwankungen abzufedern. In den letzten Jahren sind die Kosten pro versicherte Person um rund 2,5 Prozent gestiegen. Ohne Eingriffe in die Reserven wäre das auch der jährliche Prämienanstieg», hält er fest.


comparis.ch AG

Symbolbild von Sigrid Rossmann / pixelio.de


Der Comparis-Krankenkassenexperte Felix Schneuwly rechnet für 2024 mit einem durchschnittlichen Grundversicherungs-Prämienanstieg von 6 Prozent. Doch weil die Reserven vieler Krankenversicherer bis Ende 2023 auf einem Minimum sein werden, könnten gemäss Schneuwly einige Kassen ihre Prämien um über 10 Prozent erhöhen.


«Ohne den politisch erzwungenen Reservenabbau wären die Prämien in den letzten Jahren lediglich um rund 2,5 Prozent pro Jahr und Person gestiegen und würden aktuell weiter in diesem Bereich steigen», kritisiert der Experte. «Denn der Kostenanstieg von 6,1 Prozent im ersten bzw. 2,5 Prozent im vierten Quartal 2022 bzw. 3,4 Prozent im ersten Quartal 2023 wird sich wieder abflachen. Um die Jahrtausendwende betrug der jährliche Kostenanstieg um die 4,5 Prozent. Die aktuelle Kosten- und Prämienhysterie ignoriert den positiven Trend des abnehmenden Kosten- und Prämienanstiegs in den letzten Jahren. Und falsche, auf Kosten fixierte Regulierung könnte diesen positiven Trend beenden», betont Schneuwly.


Aussergewöhnliche Kostensteigerung

Die Prognose basiert auf folgenden Daten: Das Wachstum der gesamten Gesundheitskosten in der Schweiz beträgt laut der jüngsten *Prognose von Comparis und der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) für 2022 2,9 Prozent. Im laufenden Jahr steigen sie um 3,6 Prozent und im nächsten Jahr um 3,1 Prozent. Das Wachstum des für die Krankenkassenprämien relevanten Kostenanteils beträgt im laufenden Jahr im Vergleich zum Vorjahr 3,4 Prozent. Wie fast immer ist der vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) publizierte Kostenanstieg im ersten Quartal höher als im letzten.


Die zwischen 2021 und 2023 aussergewöhnlich stark schwankenden Kosten können nur zum Teil mit der Pandemie erklärt werden und deshalb nicht 1:1 als Kostenprognose verwendet werden. Zu einem stärkeren Kostenanstieg führen höherer Bürokratieaufwand, nicht lieferbare günstige Medikamente, mehr Psychotherapien, die Umsetzung der Pflegeinitiative sowie mehr verunsicherte Personen, die sich mit diffusen Beschwerden untersuchen lassen.


«Die von Spitälern geforderten generellen, teuerungsbedingten Tariferhöhungen stossen bei Krankenversicherern und bei Bundesrat Berset mit dem Hinweis auf die stark steigenden Prämien auf Ablehnung», stellt der Comparis-Krankenkassenexperte fest.


Die geschrumpften Reserven und Kapitalerträge zwingen die Kassen nicht zu einer Prämienerhöhung über dem zu erwartenden Kostenanstieg. Da die durchschnittlichen Prämienerhöhungen zwischen 2019 und 2021 unter dem Kostenwachstum lagen, ist wie im letzten Herbst auch heuer ein Teil der Prämienerhöhung nötig, um wieder auf das zu erwartende Kostenniveau zu kommen.


Schneuwly rechnet zudem damit, dass sich die Kostenschwankungen wieder beruhigen und sich das Kostenwachstum der medizinischen Leistungen zu Lasten der Grundversicherung in den nächsten Jahren im Bereich von etwas unter 3 Prozent einpendeln wird. Damit nicht jede Kostenschwankung zu einer Prämienschwankung führt, brauchen die Krankenversicherer wieder ein Reservepolster über dem gesetzlichen Minimum.

Politischer Eingriff in die Reserven führt nicht das erste Mal zu Prämienschock

«Die Krankenkassen wurden vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gezwungen, Reserven abzubauen. Deshalb fehlt vielen von ihnen nun das Reservepolster, um die aktuellen Kostenschwankungen abzufedern», beobachtet Schneuwly. Viele Versicherte könnten deshalb für 2024 nach 2023 zum zweiten Mal mit Prämienerhöhungen von über 10 Prozent konfrontiert werden, befürchtet er.


Mit einer Verordnungsänderung hat gemäss dem Comparis-Experten der Bundesrat im Jahr 2021 den Druck auf die Versicherer erhöht, Reserven abzubauen, obwohl sich eine aussergewöhnliche Kostensteigerung abzeichnete. «Viele Kassen haben dem Druck des BAG bei der Prämiengenehmigung nachgegeben und mit weit unter den Kosten berechneten Prämien ihre Reserven zu stark abgebaut. Je höher die Reserven eines Versicherers waren, desto mehr Kapitalerträge hatte er, um die Prämien zu subventionieren. Je massiver und rascher er die Reserven abbaute, desto stärker ist der Prämienschock. Umgekehrt sind Versicherer mit Reserven über dem gesetzlichen Minimum nicht gezwungen, bei jeder Kostenerhöhung die Prämien im gleichen Masse zu erhöhen», hält Comparis-Krankenkassenexperte Schneuwly fest.


«Stark steigende Prämien ebnen Weg für schädliche Regulierung»

«Der gesundheitspolitische Kostenfokus in Bundesbern wird mehr schaden als nützen», warnt Schneuwly. So werden die Beschränkung der Ärztezulassungen und die Qualitätsvorlage gemäss Schneuwly unter dem Strich kaum zu Kosteneinsparungen führen, weil sie vor allem die Bürokratie aufblähen.


Stärker steigende Krankenkassenprämien ebnen gemäss Schneuwly zudem den Weg für untaugliche Kostenbremsen und Kostenziele. «Der indirekte Gegenvorschlag des Bundesrats zur Kostenbremse-Initiative der Mitte umfasst fünf A4-Seiten Gesetzestext, obwohl die Grundidee der Kostenziele in der Vernehmlassung massiv kritisiert worden ist», sagt der Comparis-Experte.


Zöge das Parlament hier nicht die Reissleine, würden auf Verordnungsstufe noch einmal fünf A4-Seiten Paragraphen folgen und sich das medizinische Fachpersonal noch mehr mit Bürokratie statt mit den Patientinnen und Patienten beschäftigen.


«Tempo bei KVG-Reformen wegnehmen statt steigern»

Das Parlament müsse nach Ansicht von Schneuwly bei den KVG-Reformen viel eher Tempo wegnehmen statt steigern und sauber evaluieren, mit welchen Gesetzesänderungen welche Wirkungen und welche unerwünschten Nebenwirkungen erzielt würden. Die jüngsten Entscheide der nationalrätlichen Gesundheitskommission gegen einen zusätzlichen medizinischen Leistungserbringer, der die Arbeit der anderen koordinieren soll, und für mehr Anreize bei den alternativen Versicherungsmodellen erachtet Schneuwly als Lichtblick.


Comparis-Forderungen an die Gesundheitspolitik

  • die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS) endlich verabschieden;

  • die Überregulierung im Bereich der medizinischen Qualität drastisch vereinfachen und auf Qualitätswettbewerb ausrichten;

  • den Versicherern ermöglichen, nur wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Medizin zu Lasten der Grundversicherung zu vergüten, und

  • den Handlungsspielraum für Versicherer und medizinische Leistungserbringer bei den Alternativen Versicherungsmodellen (AVM) in den Bereichen Leistungskatalog, Tarife und Preise, Prämien und Dauer der Versicherungsverträge erweitern. Über 70 Prozent der Versicherten haben schon ein AVM. Tendenz weiter zunehmend.