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Bundesrat schiebt halbtoten Zeitungen noch mehr Steuergeld in den Hintern

Die Übergangsmassnahmen zugunsten der Printmedien im Zusammenhang mit dem Coronavirus werden bis Ende Jahr verlängert. Dies hat der Bundesrat entschieden. Gleichzeitig unterstützt der Bundesrat das jüngst durch das Parlament beschlossene Massnahmenpaket zugunsten der Medien. Damit werden die strukturellen Schwierigkeiten der Medienbranche angegangen. Eine Lachnummer.


BAKOM / Redaktion

Foto von Jeremy Bishop von Pexels

Die Verlängerung der im Mai 2020 vom Bundesrat verabschiedeten Unterstützungsmassnahmen für die förderberechtigten Printmedien (Covid‑19‑Verordnung Printmedien) hilft den betroffenen abonnierten Tages- und Wochenzeitungen, den Corona bedingten Ausfall der Werbeeinnahmen teilweise auszugleichen. Während die Werbeeinnahmen im Zeitraum von 2014 bis 2019 jährlich um durchschnittlich 7% zurückgingen, brachen sie 2020 um durchschnittlich 12% ein. Die Coronakrise hat den seit mehreren Jahren anhaltenden Strukturwandel im Mediensektor deutlich beschleunigt.


Die Zeitungen verlieren kontinuierlich Werbe- und Abonnementseinnahmen. Die verstärkte Nutzung der digitalen Medienangebote lässt sich heute noch nicht entsprechend monetarisieren. Die Werbeeinnahmen wandern zwar vom Print ins Netz, aber davon profitieren nicht die einheimischen digitalen Medien, sondern die ausländischen Tech-Giganten und Plattformen.


Dass der Verlust von Leserinnen und Lesern, Abonnentinnen und Abonnenten und Inserentinnen und Inserenten auch etwas mit der Qualität der Blätter zu tun haben könnte, blendet der Bundesrat aus. Er wird noch so viele Millionen an Steuergeld in die Zeitungen pumpen können - retten wird sie der Bundesrat nicht. Denn die Zeitungen bringen sich selber um. Das merken Inserenten und wandern ab.

Man nennt dies Markt.

Sie sind viel zu teuer. Sie haben zu hohe Kosten und sie schreiben an den Lesern vorbei. Der Beweis dafür ist, dass sich die digitalen Angebote der Verleger angeblich nicht monetarisieren lassen. Hier müssen die Leserinnen und Leser nämlich rein für die Inhalte bezahlen. Und das tun sie eben nicht. Weil sie die Inhalte nicht wollen. Weil sie am realen Leben der Leserschaft vorbei geschrieben sind oder der Leserschaft eine Meinung aufzwingen wollen. Diese Zeiten sind vorbei. Das sollte auch der Bund endlich merken.


Nicht die Auswahl der Themen ist das Problem. Die Art und Weise, wie politisch einseitig heute geschrieben wird ist das Problem. Trump ist schlecht, Biden ist gut, der Brexit ein Fehler, das CO2-Gesetz wird angenommen - kaum ein Blatt, welches in diesen Fragen neutral und ausgewogen berichtet hat - um nur einige Beispiele zu nennen. Alle folgen dem mutmasslichen Meinungs-Mainstream - landauf, landab. So schreiben sie jahrelang an einem grossen Teil ihrer Leserschaft vorbei, bis die Abos gekündigt werden.


Früher brauchte es viel, bis jemand ein Zeitungsabo kündigte. Heute passiert das ruckzuck. Denn es gibt haufenweise Online-Alternativen. Und ist man diese einmal gewöhnt, wechselt niemand mehr zurück auf ein um die 500 Franken teures Zeitungsabo. Da kann der Bund noch so viel Steuergeld in den Hintern der reichen Verlage pumpen. Dieses Geschäftsmodell ist tot. Mit oder ohne Hilfe des Bundesrats. Mit oder ohne Steuergeld.


Das Volk sollte die Unterstützung der Medien mit Steuergeld schlichtweg ablehnen. Mindestens aber können wir alle genüsslich zuschauen, wie die alte Medienbranche der Zeitungsverlage auch weiterhin schrumpfen wird - jedes Jahr.

Es werden Zeitungen fusionieren oder verschwinden. Auch mit - oder wegen - finanzieller Hilfe des Bundes.

Auf der anderen Seite der Medienlandschaft wächst aber ein neues Pflänzchen. Jedes Jahr gibt es in der Schweiz mehr regionale Online-Zeitungen. Diese erhalten keine finanzielle Unterstützung des Bundes. Die Gründer fahren keine Porsche, wie einige mit Steuergeld unterstützte grosse Verleger im Land. Aber sie gedeihen.


Mit wenigen Ausnahmen sind all diese Online-Medien noch da. Scheitern tun nur jene, die zu gross angefangen haben oder von der Branche hochgejubelt wurden. Die anderen, die Freude am lokalen und regionalen Journalismus haben und langsam wachsen, sind auch viele Jahre nach der Lancierung noch da. soaktuell.ch ist beispielsweise schon über zehn Jahre alt.

"Ich weiss nicht mal, was Online-Medien sind."

Sie sind klein, sie sind nahe bei den Lesern und sie haben oftmals mehr Courage Themen anders zu beleuchten und zu gewichten, als die ganz Grossen. Diese Branche entwickelt sich praktisch "unter dem Radar" der Politik. Ständerat Ruedi Noser (FDP/ZH) sagte in der Debatte zur Medienförderung: "Ich weiss nicht mal, was Online-Medien sind." Das ist zwar eine peinliche Aussage, mit dem Ziel, die kleinen Online-Medien in die Bedeutungslosigkeit zu reden. Aber an sich ist das gut so. Die scheinbar unbemerkte Entwicklung einer neuen kleinen Medienbranche profitiert heute von der Unabhängigkeit und Distanz zum Staat. Sie erhält kein Steuergeld, ist frei und die Leserschaft spürt es.


Mails und Kommentare der Leserschaft, die bei soaktuell.ch zunehmen, deuten darauf hin, dass genau diese Unabhängigkeit zum Erfolgsfaktor der Zukunft werden könnte. Oder anders formuliert: Die Leserinnen und Leser nerven sich ob der Medienförderung des Bundes. Es ist völlig unfair, die einen mit hunderten Millionen Franken zu fördern und die anderen leer ausgehen zu lassen. Es ist ein politischer Fehler. Die Menschen im Land sind nicht blöd. Sie merken das. Wir stehen hier erst am Anfang. Aber die Annahme von Medienförderung des Bundes wird für die von Gier getriebenen grossen Player zu einem weiteren Problem.


Die Unabhängigkeit der Kleinen und die Abhängigkeit der Grossen wird in Zukunft zu einem Schlüsselthema innerhalb der Medienbranche. Der Niedergang der Zeitungsverlage wird durch die Finanzspritzen des Bundes nicht gebremst, sondern beschleunigt. Darauf darf man wetten.


Die kleinen Online-Medien müssen einfach nur weiterhin ihren Job machen, zuschauen und geniessen.

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